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„Das Wichtigste ist, dass man glaubwürdig rüberkommt“

14.01.2022

Als erster Schiedsrichter im deutschen Hockey erreichte Frank Lubrich die Marke von 600 Bundesligaspielen. Am Samstag, 8. 1. 2022, pfiff der Ludwigshafener mit der Zweitligabegegnung HC Ludwigsburg gegen TuS Obermenzing (6:6) sein Jubiläumsspiel. Im Gespräch mit DHZ-Redaktionsleiter Uli Meyer blickt Frank Lubrich auf diese Partie zurück, versucht sich auch an sein Debüt im Jahr 1995 zu erinnern wie auch zu ergründen, warum gerade er dieser Rekordmann werden konnte. Der 56 Jahre alte Mechaniker, den alle als „Lupo“ kennen, wurde sieben Mal zu DM-Endrunden nominiert und pfiff drei DM-Endspiele (Halle 2004 und 2007, Feld 2008). Diverse Europacup-Begegnungen waren es auf internationaler Bühne und der von ihm als Highlight bezeichnete Auftritt 2004, als er in Holland vor 6000 Zuschauern das Spiel Indien gegen Pakistan leiten durfte.

 

Herr Lubrich, wie lief das 600. Bundesliga-Spiel, Ihr Jubiläum?

FRANK LUBRICH: Eigentlich war es ein Spiel wie jedes andere. Aber irgendwie war die Sache mit dem Jubiläumsspiel auch bei den beiden Mannschaften angekommen. Und mein lapidarer Spruch „Heute lasst ihr mich aber in Ruhe“ wurde von den Spielern total beherzigt. Da war echt nichts. Ich fand das richtig cool von den Jungs, wie sich alle benommen haben.

 

Und das alles bei einem mit knappem Verlauf und am Ende einem 6:6-Unentschieden. Sind einem Schiedsrichter solche engen Spiele lieber? Oder hat man lieber eine "klare Kiste" mit weniger Hektik und Emotionen auf dem Platz?

Mir persönlich ist es lieber, wenn ich ein bisschen Action habe, unabhängig vom Spielstand. Es gibt tatsächlich immer mal Spielphasen, wo nichts los ist. Das ist tückisch, denn plötzlich musst du als Schiri in kürzester Zeit doch wieder hellwach sein. Also es ist besser, wenn du von Anfang an ein bisschen unter Strom bist. Das ist besser für die Konzentration, man ist dann einfach besser im Spiel drin. Ich denke, ich spreche für viele meiner Kollegen: Es macht mehr Spaß, wenn auf dem Spielfeld etwas los ist.

 

Ihre BL-Karriere begann 1995 als 30-Jähriger - warum so spät?

Das lag sicher daran, dass ich als Spieler in der 1. Herrenmannschaft meines TFC Ludwigshafen sehr lange aktiv war und es damals keine Intention meinerseits gab, mal in der Bundesliga zu pfeifen. Ich habe auf Verbandsebene ab und zu gepfiffen, wenn Not am Mann war. Aber da mal höher aufzusteigen, das war für mich lange nicht abzusehen. Erst mit über 30 Jahren habe ich meinen ersten DHB-Lehrgang absolviert.

 

Gibt es noch Erinnerungen an Ihr erstes BL-Spiel?

Das ist viel zu lange her, um mich noch an Details zu erinnern. Es war ein Spiel der Damen-Bundesliga, irgendwo im Westen. Ich glaube, es war in Leverkusen. Mein SR-Partner in diesem Spiel war Dirk Ibald aus Bad Kreuznach.

 

Jetzt sind es 27 Jahre mit 600 BL-Spielen geworden. Wie konnte es zu diesem Rekord kommen?

Das weiß ich auch nicht so genau, warum ausgerechnet ich diesen Rekord halte. Ich bin halt lang genug dabei, recht zuverlässig und verlässlich. Ich habe es meistens hingekriegt, nicht absagen zu müssen, und ich bin ab und zu als Notnagel eingesprungen. Förderlich war sicherlich auch, dass ich keine schweren Verletzungen und entsprechend lange Ausfallzeiten hatte. Nach einer Knie-OP bin ich schon drei Wochen danach wieder auf dem Platz gestanden, weil Not am Mann war.

 

Erst Kommunikation statt Karten: Schiedsrichter Frank Lubrich (rechts) über seinen Umgang mit Spielern. Hier eine Szene aus 2011 mit den damaligen Mülheimern Ole Keusgen (links) und Jan Philipp Rabente. Foto: Imago

Sie gelten als ziemlich beliebt bei Spielern. War das von Anfang an der Fall? Oder muss man sich solch einen Respekt, solch eine Beziehung erst über Jahre hinweg erarbeiten?

Das freut mich natürlich, so etwas zu hören. Aber es ist ein langer Prozess. Als Neuling musst du dich durch Leistung erst einmal etablieren. Das hat bei mir mindestens drei, vier Jahre gedauert. Irgendwann bist du dann mal in ganz Hockey-Deutschland rumgekommen und kennst deine Pappenheimer, und auch die wissen, was sie an dir haben. Ich gucke halt, dass ich mit Spielern, Trainern und Offiziellen auf Augenhöhe bin, ohne mich zu verbiegen. Es ist ein Geben und Nehmen auf dem Platz. Du muss man auch mal einen Spruch einstecken können oder im Gegenzug auch mal einem Spieler einen deftigen Satz sagen können, ohne dass daraus gleich ein Theater wird. Wir Schiedsrichter sind nicht perfekt, wir machen Fehler, und das muss man auch mal eingestehen können. Das Wichtigste ist, dass man glaubwürdig rüberkommt. Man darf da nichts Künstliches aus dem Hut zaubern, sich nicht verstellen. Das fällt einem sonst direkt wieder vor die Füße. Ich habe zum Beispiel nie übertrieben mit den Karten rumgefuchtelt, sondern habe immer versucht, hitzige Situationen kommunikativ zu lösen. Damit bin ich eigentlich immer ganz gut gefahren.

 

Gibt's in Ihrer SR-Karriere so etwas wie das "schlimmste Spiel"? Wenn ja, was lief da schief?

Also dieses eine Spiel, was total in die Hose ging, gab es so nicht. Bestimmt war über die Jahre hinweg eine Handvoll Spiele dabei, wo man selber merkt, dass das heute nicht so toll war. Da muss man dann auch mal den Arsch in der Hose haben, sich nach dem Schlusspfiff vor die Teams stellen und sagen: Sorry, Leute, das war heute nicht mein bester Tag. Das kommt einfach vor, auch bei uns gibt es so etwas wie eine Tagesform.

 

Was würden Sie als die Highlights Ihrer SR-Karriere bezeichnen? Vielleicht auch außerhalb der Berufungen für DM-Endrunden/Endspiele.

Also wenn man für eine DM-Endrunde nominiert wird, dann ist das schon ein Highlight. Da stehen genügend Kollegen hintendran, die sich das in diesem Moment auch gewünscht hätten. Da darf man schon stolz sein, zu den besten vier, fünf Schiedsrichtern einer Saison gezählt zu werden. Berufungen zu nationalen Endrunden in die Schweiz, nach Österreich und Ungarn, das empfand ich natürlich auch nicht als schlecht. Aber mein mit Abstand größtes Highlight war unbestritten 2004. Da gab es ein vorolympisches Turnier in Amstelveen. Ich bin da für einen verletzten oder andersweitig verhinderten deutschen Kollegen kurzfristig nachgerückt. Die Turnierdirektorin hatte mich erstmal auf die Reservebank gesetzt, was auch völlig okay war, weil diverse andere namhafte Schiedsrichter sich für Olympia einpfeifen sollten. Aber am dritten Tag hieß es dann plötzlich: Du pfeifst heute das Spiel Indien gegen Pakistan. So eine Tobbegegnung vor 6000 Zuschauern im Wagener-Stadion - ich war aufgeregt wie Hulle. Aber es lief dann richtig cool, ich wurde hinterher sogar von beiden Teams und auch den Offiziellen gelobt. Kurioserweise durfte ich die gleiche Paarung dann als Spiel um Platz drei noch einmal pfeifen.

 

Weswegen hat es bei Ihnen nicht zu einer ganz großen internationalen SR-Karriere gereicht wie zum Beispiel bei einem Christian Blasch?

Ich habe das internationale Badge bekommen, da war ich schon kurz vor 40. In diesem Alter ist der Zug für die große Schiene normalerweise längst abgefahren. Also dafür ist es völlig in Ordnung, was ich international erreicht habe. Diese Einsätze bei verschiedenen Europacups haben Riesenspaß gemacht. Die Intention, es mal zu einer WM oder Olympia zu schaffen, gab es nie. Um solche großen Turniere besuchen zu können, musst du im Jahr drei, vier Wochen deines Urlaubs investieren. Das musst du auch erstmal wollen. Nein, ich bin zufrieden, wie es gelaufen ist. Ich hätte ja niemals gedacht, dass ich überhaupt so weit komme mit der Pfeiferei.

 

Pfeifen Sie lieber im Feld oder in der Halle? Oder macht der halbjährliche Wechsel auch für die Schiedsrichter den Reiz aus?

Ich bin mehr der Hallen-Schiedsrichter. Erstens bin ich nicht gerade als Laufwunder bekannt, was im Feld ja manchmal hilfreich wäre, außerdem ist in der Halle die Atmosphäre mit meist mehr Zuschauern besser als im Feld. Auch deshalb macht mir das in der Halle etwas mehr Spaß als im Feld.

 

Haben Sie sich schon mal Gedanken um Ihr Karriereende in der Bundesliga gemacht? Wenn ja, welche Gedanken leiten Sie da?

Vor gut sechs Jahren hatte ich mich praktisch schon damit abgefunden, dass bald Schluss sein wird. Denn man hörte immer: Mit 50 Jahren geht’s nicht mehr weiter in der Hockey-Bundesliga. Dann kam – unabhängig von meiner Person - von einigen Leuten des damaligen Schiedsrichterausschusses der Einwand, dass man das System überdenken und nicht so starr handhaben solle. Schließlich handelt es sich um eine imaginäre Altersgrenze, die nirgendwo in den DHB-Statuten festgeschrieben ist. Wenn die Leistung noch stimmt, warum sollte jemand dann aus dem Verkehr gezogen werden? Ich will natürlich niemand Jüngerem einen Platz wegnehmen und bis in alle Ewigkeit pfeifen. Aber wenn kommende Hallensaison noch die neue 2. Bundesliga Damen dazukommt, dann wird es eher dramatisch, genügend Schiedsrichter zur Verfügung zu haben. Ich kann nur sagen: Es macht mir nach wie vor Spaß.

 

Sie gelten als großer Handball-Fan. Wie kam das?

Also die Affinität zu diesem Sport ging von meiner Freundin aus. Und heute bin ich fast bekloppter bei der Sache als sie (lacht). Wir suchten vor gut zehn Jahren ein gemeinsames Hobby und haben begonnen, zusammen regelmäßig die Handballspiele der aufstrebenden Eulen aus Ludwigshafen zu besuchen. Aus dieser Leidenschaft ist dann mehr und mehr geworden. Wir sind dann zu den Rhein-Neckar-Löwen gegangen, weil die eben erste Liga und Champions League spielten. Und seit neun Jahren fahren wir regelmäßig sogar zu internationalen Events. Jetzt am Mittwoch (12.1.; d.Red.) geht es los nach Bratislava zur Handball-EM. Die Koffer sind schon gepackt. Bis auf ein Spaßturnier habe ich nie selber Handball gespielt, aber es macht mir tierisch Spaß, beim Handball zuzuschauen. Das ist ein gewisser Ausgleich zum Beruf und zum Hockey. Manchmal auch ein Ventil, um Frust abzubauen. Da kann ich auf der Tribüne sogar mal über einen Schiedsrichter schimpfen, aber unter die Gürtellinie geht’s bei mir nie (lacht).

 

Haben es Schiris im Handball schwerer als im Hockey?

Leichter haben sie es auf alle Fälle nicht. Im Handball passieren so viele Sachen, und es geht oft richtig zur Sache. Ich wollte mit den Jungs jedenfalls nicht tauschen.

 

Das darf natürlich nicht fehlen: Wie kam es eigentlich zum Spitznamen Lupo?

Ich habe zwei ältere Brüder, die ebenfalls so genannt wurden. Schon mit zwölf Jahren in meinen ersten Tagen in der Schulhockey-AG wurde ich Lupo gerufen, weil der damalige Trainer Bernd Martin diese Tradition einfach fortsetzen wollte. Ich hatte kein Problem damit, und so hat sich das einfach gehalten. Unter dem Vornamen Frank kannte mich kaum jemand im Club.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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