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Deutsche Meister: Mit starker Defensive andere Mängel kompensiert

17.06.2022

Was haben die Damen des Düsseldorfer HC und die Herren von Rot-Weiss Köln außer ihrer erfolgreichen DM-Titelverteidigung gemein? Wenn man das Final-Four-Wochenende rekapituliert, dann passt sicher der Vergleich, dass beide Teams zum Erfolg kamen, ohne in Bonn ihr kreativ-offensives Potenzial voll ausgeschöpft zu haben. Doch weil die starke Defensive diese Dezifite auszugleichen verstand, hat es wieder gereicht.

Bei aller Freude über den zweiten deutschen Meistertitel (und mit der gewonnenen Hallenmeisterschaft der dritte blaue Wimpel in 13 Monaten) war bei Düsseldorfs Cheftrainer Nico Sussenburger schon bald nach Spielende auch Selbstkritik zu hören. „Ich hätte mir von unserem Superkader, den wir dieses Jahr hatten, sogar noch mehr erwartet, was die beiden Endrundenspiele angeht“, sagte Sussenburger. Denn gerade was den personellen Vergleich zum Final-Four 2021 anging, wo Düsseldorf ohne die damals verletzten offensiven Nationalspielerinnen Elisa Gräve und Alisa Vivot sein Glück fast notgedrungen in der totalen Defensive suchen musste (was dann auch perfekt aufging), hatte die auf einigen Positionen gut verstärkte Mannschaft in der laufenden Saison und natürlich dann auch in der Play-off-Phase einen deutlich höheren Anspruch ans eigene Offensivspiel.

Den gestiegenen Ansprüchen nicht immer standgehalten  

Aber davon war in Bonn nur ansatzweise etwas zu sehen. Die erste Halbzeit im Halbfinale gegen Alster Hamburg genügte diesen Ansprüchen, und auch die ersten 30 Minuten im Endspiel gegen Mannheim sowie die Schlussphase liefen aus DHC-Sicht passabel. Doch in beiden Spielen gab es auch erstaunliche Durchhänger. Im Finale war das im dritten Viertel ein überschaubarer Abschnitt, wo es klemmte, doch gegen Alster spielte die Mannschaft eine komplette zweite Halbzeit, die eines Titelverteidigers kaum würdig war. „Körperlich platt waren wir nicht, aber uns hat da gegen das Alster-Pressing ein wenig die Spielidee gefehlt“, sah Mittelfeldspielerin Tessa Schubert ihr Team im Hamburger Würgegriff. Am Ende „konnten wir froh sein, am nächsten Tag noch spielen zu dürfen“, beschrieb Sussenburger das Glück, mit dem sich Düsseldorf gegen Alster ins Shoot-out rettete und dort wieder auf seine Stärke in dieser künstlichen Entscheidungsfindung zurückgreifen konnte.
„Wir sind ein junges Team. Es wäre vielleicht zu viel verlangt, jedes Spiel perfekt zu dominieren. Wir lernen daraus“, sieht Kapitänin Selin Oruz ihre ehrgeizige Mannschaft in einem Reifeprozess, bei dem solche Ausschläge eben einfach auch mal passieren. Wenn am Ende trotzdem der blaue Wimpel dabei herausspringt, kann man manches verschmerzen.
Pausebedürftig war nach dem Endrundenwochenende vor allem das DHC-Trainergespann. Denn Nico Sussenburger hatte zusammen mit Mark Spieker auch die Verantwortung für die Düsseldorfer Herren. Ein Spagat nicht nur, was die zeitlichen Ressourcen der beiden Trainer angeht. Das eine Team ein Titelanwärter, das andere ein Abstiegskandidat „Und beide benötigen viel Aufmerksamkeit“, stöhnt Sussenburger. Doch auch hier lohnten sich alle Mühen. Am Tag, als die DHC-Damen (mit Sussenburger auf der Bank) den Halbfinal-Krimi überstanden, bewältigten die DHC-Herren (mit Spieker als Coach) ein kaum weniger spannungsgeladenes Play-down-Finale gegen Frankfurt. „Ein sensationelles Wochenende für den Club. Besser hätte es nicht laufen können“, so Nico Sussenburger, der prinzipiell bereit ist, diese Doppelbelastung mit Spieker weiter auf sich zu nehmen, aber auch sagt: „Wir müssen nach jeder Saison hinterfragen, was das richtige Modell für uns ist.“ Als Verein werde man da „sicher eine gute Lösung finden“.
Bei den Herren von Rot-Weiss Köln traten am Endrundenwochenende zwei Spieler in den Vordergrund, die man bei der ganzen Ansammlung von auch international klangvollen Namen im Kölner Kader ganz gerne übersieht. Doch ohne die Tore von Kai Aichinger und Florian Adrians wäre es diesmal mit der Titelverteidigung wohl kaum etwas geworden.


Von links, hinten: Jan Kukuk (Physio), Ralf Jaros (Athletiktrainer), Mark Spieker (Trainer), Torsten Kleefeld (Teamarzt), Niels-Ansgar Maisch (Teammanager), Nico Sussenburger (Trainer); Mitte: Luca Scheuten, Lil-Sophie Achterwinter, Sara Strauss, Lilly Stoffelsma, Lisa Nolte, Nele Rösch, Sophia Schwabe, Carina Salz, Clara Ycart Canal, Friederike Heusgen; vorne: Tessa Schubert, Nathalie Kubalski, Annika Sprink, Pia Lhotak, Selin Oruz, Emma Heßler, Maike Schaunig, Elisa Gräve. Foto: Foto2press


Zwei Unscheinbare ebnen Köln den Weg zur Titelverteidigung  

Außenverteidiger Aichinger, nach längerem Auslandsaufenthalt erst in der Rückrunde wieder im Rot-Weiss-Team dabei, hatte im Halbfinale gegen Harvestehude seine Mannschaft 14 Minuten vor Schluss mit dem Ausgleichstreffer aus der Lethargie herausgeholt und damit den Türöffner zum 3:1-Sieg gespielt. Und Adrians war im Finale gegen den starken Hamburger Polo Club zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle, als Köln sechs Minuten vor Schluss einem Eckenkonter (in Unterzahl!) fuhr, bei dem Kapitän Mats Grambusch den Angreifer perfekt einsetze. „Wenn die anderen nicht wollen, muss ich halt herhalten“, flachste der Schütze des goldenen Tores zum 1:0-Sieg später. Schon 2017 hatte Adrians den entscheidenden Treffer zum Kölner EHL-Sieg geschossen.
Auch für Florian Adrians stand fest, dass sein Tor zwar wichtig war, aber die Meisterschaft woanders entschieden wurde: „Die Defensive ist bereits die ganze Saison unsere große Stärke gewesen. Wer in zwei Spielen im Halbfinale und Finale nur ein Gegentor bekommt, der kann sich sicher sein, dass die Defensive steht.“ Einen weiteren Faktor hob der Kölner Spielführer nach dem Endspiel hervor: ,,Wir haben über die ganze Saison eine Mentalität aufgebaut, die uns dahin führt, was wir heute gezeigt haben: Am Ende stark und die bessere Mannschaft zu sein, die den Sack dann zumacht. Das ist eine Qualität, die wir wieder bewiesen haben. Wir sind an beiden Tagen bei Unentschieden oder sogar in Rückstand nie ungeduldig geworden“, so Mats Grambusch.
Pasha Gademan, der die Mannschaft eineinhalb Jahre lang zusammen mit André Henning geführt hatte und seit der Bundestrainer-Inthronisierung Hennings ab Februar alleine die sportliche Verantwortung für das Team trägt, konnte natürlich stolz darauf sein, in seiner zweiten Saison in Deutschland den zweiten Titel errungen zu haben. „Natürlich gehört ein Teil dieses Titels auch André. Aber nach ihm musste es auch weiter gehen, und es geht weiter!“, sagte der Niederländer. Im kommenden Jahr das Triple und die dann elfte Deutsche Feldmeisterschaft für Köln anzugehen, dürfte schon jetzt ein unausgesprochenes Ziel darstellen. lim

Von links, hinten: Philip Ibe (Teamarzt), Tom Grambusch, Timur Oruz, Ole Boelke, Florian Adrians, Maximilian Brönner (Video), Luis Höchemer, Mink van der Weerden, Antheus Barry, Falk Schade (Konditionstrainer); Mitte: Quentin Halfmann, Florian Pelzner, Fabio Seitz, Mats Grambusch, Maximilian Siegburg, Christopher Rühr, Moritz Trompertz, Daniele Zurola (Physio), Alice Weisweiler (Teammanagerin); vorne: Vincent Vanasch, Kai Aichinger, Johannes Große, Pasha Gademan (Trainer), Elian Mazkour, Joshua Onyekwue Nnaji, Thies Ole Prinz, Nicole Stäblein (Physio), Wolfgang Kluth (Co-Trainer). Foto: Foto2press

 

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