22.08.2024 - Zwei Medaillen hatte man sich insgeheim erhofft, die Plätze zwei (Herren) und sechs (Damen) und somit eine Silbermedaille sind es schließlich geworden. Wie zufrieden kann der Deutsche Hockey-Bund mit dem olympischen Abschneiden bei Paris 2024 sein? Vorort in Frankreich hat DHB-Sportdirektor Martin Schultze (52), der in Paris als Teilmannschaftsleiter Hockey die beiden deutschen Teams anführte, im Interview mit DHZ-Redaktionsleiter Uli Meyer ein erstes Fazit der Spiele gezogen.
Herr Schultze, die mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem für Sport zuständigen Bundesinnenministerium vereinbarte Zielstellung für das deutsche Hockey in Paris 2024 ist mit dem Gewinn einer Medaille erreicht worden. Sind Sie erleichtert, dass man das geschafft hat?
MARTIN SCHULTZE: Das ist sicherlich eine große Hilfe für die kommenden vier Jahre, dass man gegenüber den Förderern die Zielstellung erreicht beziehungsweise sogar leicht übererfüllt hat. Wir sind ja mit Bronze sowie Platz 5 bis 8 als Zielstellung reingegangen und haben mit Silber das dann bestens erfüllt. Es gibt da also keinen Anlass daran zu zweifeln, dass wir mit unserer Zielstellung für Los Angeles 2028 mit dann zwei Medaillen in die richtige Richtung gehen.
Bevor wir auf die Danas und Honamas jeweils gesondert eingehen: Teilen Sie den Eindruck, dass wir in Paris doch zwei sehr unterschiedliche Turnierauftritte der beiden deutschen Hockeyteams gesehen haben?
Was das Auftreten auf dem Platz angeht, bin ich mit beiden Mannschaften eigentlich zufrieden. Sicher unterscheidet sich das in den reinen Ergebnissen und Platzierungen, wo wir uns bei den Damen mehr erhofft haben, wo wir quasi zentimetermäßig aber nah dran waren. Wir waren gegen Argentinien im Viertelfinale über weite Strecken das bessere Team, haben es aber versäumt und waren zu unclever, bei einer 1:0-Führung die letzten 90 Sekunden besser runterzuspielen. Das Penalty-Shoot-out war dann eine andere Situation. Deswegen würde ich jetzt die Gesamtleistung aber nicht negativ sehen, das Ergebnis schon.
Das Heimbringen eines Vorsprungs in einer Schlussphase hat ja leider auch schon gegen die Niederlande, trotz sehr guter Spielleistung, nicht geklappt. War das im Gruppenspiel nicht weiter dramatisch, so gilt das fürs Viertelfinale sicher nicht.
Ja, absolut. Das ist der Punkt. Tatsächlich waren wir im Turnier ja neben China im Finale die einzige Mannschaft, die Holland Probleme bereitet und sie an den Rand einer Niederlage gebracht hat. Von daher ist es sehr schade, dass das jetzt ergebnistechnisch so aussieht. Leistungsmäßig war es zum Teil top. Aber es gab eben auch Ausreißer nach unten, das hatten beide Teams. Von daher sind das Nuancen, die da noch fehlen. Deswegen ist es umso bitterer, dass wir da bei den Damen so verhältnismäßig früh rausgekegelt wurden. Letztlich zeigen die Topleistungen, die gegen Topnationen wie Niederlande und Argentinien gebracht worden sind, dass wir nah dran waren.
Nach dem China-Spiel: Von links Sonja Zimmermann, Bundesaußenministerin Annalena Baerbock, Sportdirektor Martin Schultze und Charlotte Stapenhorst. Foto: Kaste
Ging die Misere der Damen nicht mit dem Belgien-Spiel los, wo man mit einer sehr schwachen Leistung die Möglichkeit fast verschenkt hat, im weiteren Turnierverlauf auf andere Gegner zu treffen, als das mit Argentinien im Viertelfinale und Niederlande in einem potenziellen Halbfinale der Fall gewesen ist?
Das ist müßig zu diskutieren, ob Spanien der leichtere Gegner im Viertelfinale gewesen wäre. Man hatte Argentinien ja kurz vor Schluss praktisch schon im Sack. Dass man es eben nicht geschafft hat, den Vorsprung ins Ziel zu bringen, daran ist man gescheitert, nicht am Turnierbaum, oder auch nicht am Belgien-Spiel. Das kommt in so einem Turnier immer vor, dass nicht alles optimal läuft. Und das hatte man eigentlich gut verarbeitet.
Diese Leistungsschwankungen bei den deutschen Damen waren übers Turnier hinweg stark ausgeprägt. Egal ob jung oder erfahren, da gab es ein Auf und Ab zwischen ganz starken und sehr schwachen Phasen zu beobachten. Woher kommt so etwas?
Das müssen wir sicherlich in Ruhe im Nachgang besprechen. Das ist ein Punkt, an den wir in der Analyse ranmüssen. Woran es genau liegt, kann ich aus dem Stegreif heraus auch nicht sagen. Aber tatsächlich gab es diese Schwankungen zu beobachten.
In Tokio war eine Teampsychologin mit im Staff, in Paris wollte man sich um diese mentalen Themen intern kümmern. Das hat damals nicht voll funktioniert und schien auch diesmal wieder ein Problem zu sein. Ist es das Hauptproblem der Mannschaft, sich manchmal selber im Weg zu stehen?
Was versteht man darunter genau? Dass es Leistungsschwankungen gibt, das haben andere Nationen auch, keiner spielt so ein Turnier von Anfang bis Ende auf einem Level. Sicherlich sind die Schwankungen bei uns zu groß. Das ist jetzt aber noch zu früh, gleich Rückschlüsse zu ziehen, ob es daran lag oder nicht. Auch das wird ein Thema für die Turnieranalyse.
Das Shoot-out war in Paris bei beiden deutschen Mannschaften nicht der Freund. Dabei hatte man doch auch auf Wunsch der Bundestrainer das Shoot-out in der Bundesliga eingeführt, um unsere Nationalspielerinnen und -spieler besser auf diese Situation vorzubereiten. Alles umsonst?
Die Drucksituation ist natürlich eine ganz andere in einem Bundesligaspiel als in einem olympischen Finale oder Viertelfinale. Wir haben ja beim Shoot-out schon ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Bei der WM hat es im Viertfinale und Finale ja bestens funktioniert. Bei der EM sind wir Halbfinale quasi vorgeführt worden. Und im Herren-Endspiel in Paris hat einfach auch das Quäntchen Glück gefehlt. Unser Torwart hält die ersten beiden Bälle des Gegners, wenn wir da vorneweg marschieren statt ebenfalls zu scheitern, kann es ganz anders laufen. Die Situation kann man in der Form nicht trainieren. Das ist in so einem Turnier ein ganz anderer Moment, und der ist bei Olympia nochmal größer als bei allen anderen Meisterschaften.
Bei den Damen waren die deutschen Versuche beim Shoot-out ähnlich erfolglos aus und wirkten noch schwächer als bei den Herren.
Da müssen wir sicherlich ran für die Zukunft, da wieder eine andere Qualität reinzubekommen. Es ist müßig, an den Shoot-outs was auszumachen. Man hätte es zuvor regeln müssen, und dann kommt es nicht auf diese Situation drauf an.
Kommen wir zur Bilanz der Herren. Schmälert die schmerzliche Finalniederlage den insgesamt doch sehr starken Gesamteindruck unserer Mannschaft?
Schmälern nicht. Es fühlt sich auch am Tag danach noch nicht gut an, wenn man so nah dran war am ganz großen Erfolg. Da fällt es erstmal schwer, sich mit Silber abzufinden. Natürlich ist es eine überragende Leistung gewesen, und das verlorene Finale schmälert diese Turnierleistung natürlich überhaupt nicht. Es ist sehr schade, dass sie nicht mit Gold belohnt wurde.
Gibt’s im Detail überhaupt etwas zu mäkeln am Turnierauftritt der Honamas?
Nein. Das war wirklich großartig in allen Bereichen. Gerade wenn man bedenkt, mit wieviel Verletzungen und Ausfällen wir klarkommen mussten, hat das hervorragend funktioniert. Auch die Spieler, die reingekommen sind, haben performt und sofort ihre Leistung gebracht.
Überraschend für Außenstehende war, dass der Einsatz der P-Akkreditierten letztlich doch so variabel möglich war. Mit wieviel Vorlauf war das den teilnehmenden Delegationen bekannt? Und war es in der Umsetzung einfach oder jedes Mal ein größerer bürokratischer Akt?
Die Information kam neun Tage vor Turnierbeginn, dass Wechsel zugelassen sind aufgrund von medizinischer Indikation, und dass auch schon leichtere Dinge wie eine Infektion hierfür genügen würden. Das hat das Ganze dann schon erleichtert und ist uns entgegengekommen. Die Damen haben die Möglichkeit weniger in Anspruch genommen, die Herren mehr. Das war letztlich mitausschlaggebend, dass wir das Turnier überhaupt so durchstehen konnten. Die Umsetzung war relativ simpel und ging in rund anderthalb Stunden über die Bühne.
Niklas Wellen hat nach dem Finale gesagt, dass beide Mannschaften eigentlich platt waren und es auch deshalb gar kein richtiges Offensivspektakel geben konnte. Er mahnte wie auch Bundestrainer André Henning an, den dichtgedrängten olympischen Hockey-Spielplan zu entzerren, entweder durch eine längere Turnierdauer oder weniger Spiele. Gibt es dazu Initiativen?
Es ist ja tatsächlich bereits beschlossene Sache, dass es einen Moduswechsel beim olympischen Hockeyturnier 2028 in Los Angeles geben wird und dann mit drei Vierergruppen statt wie bisher zwei Sechsergruppen gespielt werden soll. Von daher wird sich die Zahl der Gruppenspiele dramatisch reduzieren. Ob das wirklich gut ist, sei mal dahingestellt. Das wird man danach dann sehen.
Wenn Sie im weiten Vorblick auf LA 2028 schauen: Sind im weiblichen Bereich mehr Stellschrauben zu drehen und Dinge zu verändern als im männlichen?
Nein, das würde ich so nicht sehen. Wir haben ja die wesentlichen Änderungen schon alle eingeleitet und teils bereits vor Paris umgesetzt. Aber wir müssen genauso den männlichen Bereich im Blick behalten. Vier Jahre sind ein langer Zeitraum. Es wäre fatal, sich darauf zu verlassen, dass es einfach so weiterläuft, sondern wir müssen schauen, dass wir 2028 wieder in der Weltspitze dabei sind. Und das wird schwierig genug. Dafür ist es natürlich auch entscheidend, wieviel Gelder wir für den nächsten Zyklus zur Verfügung gestellt bekommen. Da gibt es schon einen direkten Zusammenhang.
Welche Erkenntnisse des Hockeyturniers in Paris, jenseits der beiden deutschen Teams, haben Sie gewonnen?
Ganz große Veränderungen zu dem, was wir erwartet haben, würde ich nicht sehen, ohne einer genaueren Analyse vorweggreifen zu wollen. Die einzige große Überraschung war vielleicht, dass China bei den Damen im Finale war. Die hatte man im Vorfeld trotz ihres Potenzials vielleicht nicht ganz so hoch eingestuft. Und dass die belgischen Herren und beide australischen Teams so früh rausgehen, kam sicherlich auch überraschend.
Vielen Dank für das Gespräch!







