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Deutschland bringt den Favoriten ins Wackeln, aber nicht zum Fall

Deutlich besser als beim Gruppenspiel gegen die Niederlande (1:5) verkauften sich die deutschen Damen beim Wiedersehen im Finale. Vor allem in der zweiten Halbzeit war das Heimteam ein gleichwertiger Gegner und konnte einen 0:2-Pausenrückstand verkürzen. Es reichte aber nicht mehr ins Shoot-out.

War für die DHB-Auswahl wenige Tage zuvor beim ersten Vergleich mit dem Topfavoriten die erste Ballberührung jene, als Torhüterin Nathalie Kubalski den Ball nach 30 Sekunden aus dem Netz holen musste, so stellte sich das vor erwartungsvollen 9000 Zuschauern im Endspiel ganz anders da. Nach zwei Minuten gelang der erste Vorstoß, Micheel drang in den holländischen Kreis ein und bejubelte schon einen Eckenpfiff, den das „Oranje-Team“ (diesmal in weiß-blauem Dress) jedoch erfolgreich mit Videobeweis wegbekam. Trotz des ersten Ausrufezeichens stellte sich dann doch die erwartete Überlegenheit des Favoriten ein, der höllischen Druck auf die Ball besitzenden oder empfangenden deutschen Spielerinnen ausübte. Das führte zu einigen frühen Ballverlusten aus deutscher Sicht. Und in der 5. Minute blieb dies nicht ohne Folgen. Über rechts kam die Niederlande in den deutschen Kreis. Als im Getummel vor dem Kasten von Julia Sonntag wahrscheinlich jeder schon mit einem Eckenpfiff rechnete und aufhörte, weil wohl ein deutscher Fuß im Spiel war, kam dieser Pfiff von Schiedsrichterin Williams jedoch nicht. Am schnellsten erfasste Pien Dicke den Sachverhalt und wischte den Ball mit der Rückhand an allen vorbei in den deutschen Kasten – 0:1.

In der unübersichtlichen Situation vor dem deutschen Tor hatte Pien Dicke ((mit Stirnband) den besten Riecher und drückte zum 0:1 ein. Foto: Worldsportpics

 

Zwei Minuten später kam Holland zu seiner ersten Ecke. Yibbi Jansen trat zu ihrer Paradedisziplin an, doch Emma Davidsmeyer lief den Schlenzer mutig ab. Weitere unmittelbare Torgefahr, bis auf den versuchten Rückhandschlag von Moes (14.), konnte die deutsche Mannschaft durch konzentrierte Abwehrarbeit im ersten Viertel vermeiden. Und kurz vor Ablauf des ersten Abschnitts hatte dann Deutschland plötzlich noch eine Riesengelegenheit, als sich Davidsmeyer hinter die Abwehrlinie geschlichen hatte, von Linnea Weidemann punktgenau angeschlenzt wurde und auf einmal frei vor Torhüterin Veenendaal stand. Davidsmeyers Idee, statt aus spitzem Winkel in die Schienen zu schießen lieber in die Mitte abzulegen, war im Prinzip völlig in Ordnung, doch der Querpass verfehlte die angelaufene Sara Strauss ganz knapp. Es wäre sonst ein fast sicheres Tor gewesen.

Auch das zweite Viertel begann mit einer Fleschütz-Aktion vielversprechend, aber bald schon sollte sich der zweite Rückschlag einstellen. Nach einem Schlenzpassanspiel in den deutschen Kreis musste Nolte wegen Eckengefahr den Abstand wahren. Ex-Welthockeyspielerin Xan de Waard hatte etwas Zeit zur Flanke. Diese schien in der Mitte Luna Fokke zu verfehlen, doch artistisch brachte die eingelaufene Spielerin hinter dem Rücken ihren Schläger noch regelkonform an den Ball und lenkte ihn mit einer guten Portion Glück in den deutschen Kasten – 0:2 (18.).

Deutschland ließ sich von dem Nackenschlag nicht unterkriegen, konnte in den Folgeminuten sogar eine kleine Druckphase aufbauen, ohne jedoch zu einem Torabschluss gegen Veenendaal zu kommen. Gleichzeitig gab es bis zur Pause auch auf der anderen Seite keine gefährliche Aktion mehr für ein 0:3.

Die richtigen Worte gefunden hatte offenbar Bundestrainerin Janneke Schopman, denn ihre Schützlinge kamen mit Entschlossenheit und Mut aus der Kabine. War die Verteidigungsleistung bis dahin schon sehr beachtlich, so steigerte sich die DHB-Auswahl nun auch im Offensivspiel. Sonja Zimmermann, die trotz bandagiertem und schmerzendem Oberschenkel bis zum Ende durchbiss und wichtige Akzente nach vorne setzte, provozierte eine grüne Karte von Jansen. In der Überzahl wurde dann auch die erste (und einzige) Ecke erzwungen. Den von Lisa Nolte geschlagenen Ball lenkte die zweite Herausläuferin Koolen unhaltbar für ihre Torhüterin ins Netz – 1:2 (35.).

Da ist der Anschlusstreffer durch Lisa Nolte (nicht im Bild) gefallen, und die deutschen Damen konnten wieder Hoffnung schöpfen. Foto: Worldsportpics

 

Deutschland war verdientermaßen zurück im Spiel. Der frenetische Jubel im Team und auf den jetzt lautstark mitgehenden Rängen war kaum abgeklungen, da folgte ein harter Rückschlag. Die an der Seitenlinie im Mittelfeld um den Ball kämpfende Strauss wurde von der belgischen Schiedsrichterin Sergeant wegen „sliding tackling“ mit gelb für zehn Minuten auf die Strafbank verbannt. Eine sehr harte Einschätzung und Entscheidung der Unparteiischen. Erstaunlich, wie es die deutsche Mannschaft verstand, die Unterzahl ohne unmittelbare Gefahr für die zur Pause ins deutsche Tor gekommene Nathalie Kubalski zu überstehen. Holland drückte nicht mit aller Macht auf ein drittes Tor, aber Deutschland um die unüberwindliche Weidemann machte es auch wirklich gut und hatte durch Davidsmeyer und Micheel sogar zwei offensive Ansätze.

So richtig anzugreifen traute sich die DHB-Auswahl verständlicherweise erst, als man zu Beginn des Schlussviertels wieder vollständig war. Und aus der Unterzahl wechselte man sofort in eine Überzahlphase, weil die Unparteiischen bei ihrer strengen Linie blieben und Jansen nach einem eher kleinen Foul an Oruz mit Gelb vom Platz schickten (46.). Kaum von der Strafbank zurück schnappte sich Sara Strauss halbrechts den Ball, drang raffiniert in den Kreis ein und konnte mittig eine Rückhand absetzen. Der stramme Schuss war so gut, dass Veenendaal nur nach vorne abprallen lassen konnte, wo Johanna Hachenberg um ein Haar den Nachschuss verfehlte (47.).

Der Fast-Ausgleich hinterließ Spuren beim Favoriten, der bei ein paar Flüchtigkeitsfehlern Anzeichen von Nervosität erkennen ließ. Deutschland blieb am Drücker und schnürte den Gegner über dessen Unterzahlphase hinaus in der eigenen Hälfte ein. Sieben Minuten vor Schluss wurden die Danas erneut von den Unparteiischen ausgebremst. Bei einem Konter prallten Granitzki und Moes zusammen, die Szene ging zunächste weiter und mündete in die zweite niederländische Ecke. Vor der Ausführung bekam die deutsche Verteidigerin die gelbe Karte gezeigt. Die Jansen-Ecke hielt Kubalski stark.

Auch die folgende Fünf-Minuten-Unterzahl überstand Deutschland schad- aber nicht schmerzlos. Sophia Schwabe bekam den unabsichtlich durchschwingenden Schläger von Fokke auf die Nase, spielte nach kurzer Behandlung weiter. Außer einem Dicke-Schuss ans Seitenbrett gab es keine Torgefahr. Als die Strafzeit abgelaufen war, ging Schopman knapp zweieinhalb Minuten vor Ende „all in“, nahm für Kubalski eine elfte Feldspielerin auf den Platz. Und tatsächlich bekam man noch diese eine gute Chance auf das 2:2, als Lilly Stoffelsma rechts in eine Hundekurve gelangte und ihr Zuspiel von Hachenberg auf den Kasten befördert wurde (59.). Veenendaal rettete den Ball und letztlich auch den Sieg.

 

In ihrem letzten Länderspiel zeigte Selin Oruz (links; gegen Xan de Waard), wie wertvoll sie für das deutsche Spiel ist und war. Foto: Worldsportpics.   

Stimmen

 

Lilly Stoffelsma: Wir hahen uns vorgenommen, mehr zu ackern, besser zu verteidigen als im Gruppenspiel und uns offensiv was zu trauen. Ich finde, wir haben das heute gut gemacht. Wir bekommen zu früh zwei Gegentore und später leider zu viele Karten. Die Trainerin hat uns in der Pause motoviert, weiter gut zu verteidigen und mutig auch nach vorne zu gehen. Nach dem 1:2 hat jeder von uns dran geglaubt, dass wir noch ein Tor schießen, und wir waren am Ende ja auch knapp davor, das 2:2 zu machen und ins Shoot-out zu gehen. Die Karten und die langen Unterzahlphasen haben uns letztlich ein wenig das Genick gebrochen. Es ist jetzt nach Spielende Frust und Stolz vorhanden. Aber eigentlich überwiegt der Stolz, was wir hier bei der EM mit der Silbermedaille geschafft haben. Wir haben uns heute richtig gut geschlagen. Es war ein tolles Finale.  

 

Selin Oruz: Das war von Anfang bis Ende ein großer Fight von uns. Ich bin eigentlich einfach nur stolz auf dieses junge Team, wie wir da mitgehalten haben, wie wir da super verteidigt haben. Das haben wir uns vorgenommen. Und am Ende ist das knappe Ergebnis natürlich super bitter und enttäuschend, dass wir es nicht noch enger gemacht haben. Ich habe bis zum Ende daran geglaubt, dass wir noch das 2:2 machen können, es gab auch die Situationen dafür. Bei vielen Minuten mit einer Spielerin weniger auf dem Feld und ohnehin dezimiertem Kader nach dem Ausfall von Tici Wiedermann war es ein Kraftakt nach hintenraus. Hier überhaupt das Finale erreicht zu haben, damit hätten die wenigsten Außenstehenden gerechnet. Im Team selber haben wir schon daran geglaubt.

 

Janneke Schopman: Wir haben sehr gut verteidigt über das ganze Spiel hinweg. Dass sieht man auch daran, dass wir nur zwei Ecken gegen uns bekommen und diese dann auch gut abgewehrt haben. Das zweite Gegentor war pures Glück. Die Torschützin hat in dem Moment gar nicht gewusst, dass sie gerade ein Tor schießt. In der zweiten Halbzeit haben wir dann auch besser mit dem Ball gespielt, da war dann alles bei uns da. Leider haben wir gleich nach dem Tor eine gelbe Karte bekommen. Ich finde, bei allen Kartenentscheidungen, auch gegen Holland, hat den Schiedsrichterinnen ein wenig das Fingerspitzengefühl gefehlt, ich habe es nicht verstanden. Insgesamt über 20 Minuten Unterzahl ist nicht das, was man sich von einem Finale wünscht. Wir haben es auch mit zehn Spielerinnen sehrt gut gemacht, aber Druck aufzubauen, geht da halt nicht, dafür ist Holland zu stark.