Mental unkaputtbare Herren und im richtigen Moment die Kurve bekommende Damen - die Deutsche Hockey Zeitung hat sich zum Turnierauftritt der beiden deutschen Mannschaften bei der Europameisterschaft in Mönchengladbach ein paar Gedanken gemacht.
Die Gegner können führen (wie Frankreich und England), sie können stärker sein (wie Spanien im Halbfinale eine Halbzeit lang oder die Niederlande im Endspiel über drei Viertel der Partie hinweg) – am Ende setzt sich trotzdem Deutschland durch. Das ist die aus deutscher Sicht natürlich erfreuliche Erkenntnis der 20. Europameisterschaft der Herren in Mönchengladbach.
Zu Beginn des EM-Turniers waren die aus der jüngeren Vergangenheit schon nicht unbekannten Comeback-Qualitäten der deutschen Mannschaft gefragt. Gegen Frankreich lag die Truppe von Bundestrainer André Henning bereits 0:2 in Rückstand. Bei nur noch zehn Minuten auf der Uhr sah es wirklich nicht gut aus, ehe der drohende EM-Fehlstart in kürzester Zeit noch in einen 3:2-Sieg verwandelt wurde. Im zweiten Gruppenspiel gegen England wurde aus einem 0:1 zumindest noch ein 1:1-Unentschieden gemacht. Wirklich problemlos und die Nerven aller Beteiligten und deutschen Fans schonend war lediglich das 10:0 über Aufsteiger Polen.
Für eine Hockeygroßmacht wie Deutschland beginnt eine Europameisterschaft traditionell quasi erst so richtig ab dem Halbfinale. Dieses Denken galt diesmal freilich nicht für die andere Gruppe, wo von drei Großen ja zwangsläufig schon einer auf der Strecke bleiben musste (die Belgier). Noch nie hatte eine DHB-Auswahl den Einzug in die Vorschlussrunde der besten Vier verpasst.
Aber die Erfahrung der Vergangenheit lehrt, dass spätestens ab dem Halbfinale auch die Probleme kommen, meistens in Form eines starken Gegners. Das war 2025 mit Spanien der Fall. Das Team, das sich gegen Deutschland mit zuletzt sieben Siegen in Serie den Ruf eines Angstgegners erarbeitet hatte, war trotz schneller deutscher 2:0-Führung eine Halbzeit lang die tonangebende Mannschaft. Wie es die DHB-Auswahl nach ein paar kleineren Korrekturmaßnahmen in der Pause schaffte, die Sache vollends zum 4:1-Sieg heimzufahren, war bemerkenswert. Und ein weiterer Nachweis für die mental brutale Stärke lieferte Deutschland im Finale gegen die Niederländer ab. Obwohl der Olympiasieger eigentlich kaum Fehler machte und ein mörderisches Pressing aufzog, entkam die Henning-Truppe dieser Schraubzwinge und gewann schließlich nach 1:1 im Shoot-out (das für sich betrachtet noch einmal eine eigene Topleistung war).

Michel Struthoff (in weiß am Ball) während des Endspiels gegen die Niederlande. Der in Mönchengladbach geborene Edeltechniker bestritt eine gelungene EM-Premiere. 10.000 Zuschauer waren begeistert von Struthoffs technischen Fähigkeiten. Foto: Kaste
„Wir haben in unserer gemeinsamen Zeit jetzt 12 K.o.-Spiele gehabt und keines davon in regulärer Spielzeit verloren. Nur zwei im Shoot-out. Das sagt einiges über die Jungs aus, vor allem über ihre mentale Stärke“, war der Ausgang für den Bundestrainer nicht überraschend. Seine Mannschaft stand jetzt in den drei wichtigsten Wettbewerben (Olympia, WM, EM) immer im Endspiel, hat zwei von drei Finals gewonnen. „Nach einer Durststrecke über ein paar Jahre hinweg ist Deutschland wieder regelmäßig im Titelrennen vertreten“, kann André Henning mit Befriedigung feststellen. Seiner Meinung nach hat es nie am klassischen Hockeyvermögen deutscher Teams gemangelt, aber den letzten Schritt hin zu einem Titelkandidaten machte es erst, seit der 41-Jährige ans Ruder kam.
Dabei sieht sich André Henning gar nicht als der Alleskönner und alleinig Seligmachende. „Ich moderiere was an, aber die Themen besprechen die Jungs. Ich hole als nur das raus, was in ihren Köpfen steckt“, sagt er zum Beispiel über die Teambesprechungen und nennt das Spanien-Halbfinale als jüngstes Beispiel, wie das Suchen und Finden von Lösungen zum Großteil aus der Mannschaft selber kommt. „Ich füge es höchstens noch zusammen“, so der Trainer.
Über seine Art der Mannschaftsführung hat André Henning neulich (mal wieder) bei einem Kongress von Fußballtrainern als Gastredner referiert. Branchengrößen wie der Freiburger Kultcoach Christian Streich äußerten sich begeistert. Droht dem deutschen Hockey die Abwanderung einer erfolgreichen Führungskraft zum Fußball, wie es mit Bernhard Peters und Markus Weise einst der Fall war? „Nein, nein“, wehrte Henning in Gladbach ab. „Ich bin gerne Hockey-Bundestrainer und will es auch bleiben.“
Um den letzten in der Sammlung noch ausstehenden Titel zu holen? „Olympisches Gold fehlt noch. Wir werden angreifen in LA 28“, verspricht Moritz Ludwig, der bei der EM zu den stärksten deutschen Kräften gehörte.
Auf dem Weg dorthin dürften auch jene vier Spieler eine Rolle spielen, die jetzt in Mönchengladbach ihr erstes Meisterschaftsturnier spielten. Michel Struthoff könnte mit seinen Fähigkeiten als Superzocker so etwas wie der X-Faktor der Zukunft werden. Bei der EM zeigte er sich nicht nur talentiert, sondern auch gereift. Erik Kleinlein entwickelt sich als Sechser zum legitimen Nachfolger für Martin Zwicker, obwohl dieser seine Laufbahn noch nicht für beendet erklärt hat und sicher noch einmal den Konkurrenzkampf auf dem Weg zur WM 2026 suchen wird. Raphael Hartkopf, der drei Treffer gegen Polen schoss, hätte zum Helden werden können, wenn er im Finale gegen die Niederlande kurz vor Schluss die Großchance zum 2:1 reingemacht hätte. Aber die Fußstapfen des Schusskreis-„Phantoms“ Marco Miltkau sind längst beschritten. Benedikt Schwarzhaupt war besonders stark im Halbfinale gegen Spanien und dürfte die Lücke, die Lukas Windfeders Abgang in der Verteidigung reißt, geräuschlos schließen.
Nicht nur Olympia 2028 kann kommen, auch die WM 2026 darf sich auf die DHB-Herren freuen. Schließlich hat sich Deutschland, ganz nebenbei, bei der EM 2025 das WM-Ticket geholt.

Schon mit dem Einzugs ins EM-Endspiel hatten die deutschen Herren die Fahrkarte für die nächste Weltmeisterschaft (im August 2026 in Niederlande/Belgien) erlangt. Für den Bundestrainer und seine Spieler war die WM-Qualifikation während der EM-Woche "kein Thema", nur ein Folgeprodukt des Ziels EM-Titel. Foto: Worldsportpics
Wer nach der Gruppenphase der 17. Europameisterschaft auf die deutschen Damen schaute, der hatte keinen Finalisten gesehen. Umso erstaunlicher und aus deutscher Sicht schön, dass diese junge Mannschaft am Ende sogar knapp davor war, die Hand an den Siegerpokal anzulegen.
Mit Ach und Krach vermied Deutschland ein historisches Ausscheiden. Nach einem 4:1 über Frankreich und einem 1:5 gegen die Niederlande taumelte die weibliche Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes im letzten Gruppenspiel gegen Irland am Rande einer (eigentlich verdienten) Niederlage und rettete sich mit einem schmeichelhaften 0:0 auf dem zweiten Platz.
Tatsächlich wäre es das erste Mal gewesen, dass Deutschland bei einer EM nicht ins Halbfinale eingezogen wäre. Inklusive der Herrenkonkurrenzen sind das immerhin 37 Turniere. Aber die Danas hatten ja noch einmal die Kurve bekommen. Die mageren vier Punkte und ein negatives Torverhältnis (5:6) standen in krassem Verhältnis zu dem, wie die deutschen Damen zwei Jahre zuvor an gleicher Stelle aus der EM-Gruppenphase herausgingen: drei Siege mit 15:0 Toren.
Doch bekanntlich wurde diese makellos weiße Weste 2023 mit einem 0:1 im Halbfinale gegen Belgien ziemlich in den Schmutz gezogen. Ein Glück schlug die neue Mannschaft diesmal eine andere Richtung ein. Nicht nur die Resultate betreffend. Auch die Leistung konnte nach oben entwickelt werden. In den drei Gruppenspielen war höchstens die erste Halbzeit gegen die international noch wenig bedeutenden Französinnen und zweieinhalb gute Viertel gegen die alles kontrollierenden Holländerinnen (allerdings erst nach einem 0:3-Rückstand) Hoffnung stiftend.
Dass es in der Crunchtime des Turniers dann zu zwei beeindruckenden kämpferischen Leistungen im Halbfinale gegen Belgien (1:1; Shoot-out 3:2) und im Endspiel gegen die Niederlande (1:2) kam, ist umso höher einzuschätzen, als der EM-Kader von Bundestrainerin Janneke Schopman schon nach dem Frankreich-Spiel nicht mehr komplett war. Felicitas Wiedermann war im Auftaktspiel weggerutscht und hatte sich dabei ihr Knie so massiv verletzt, dass weitere EM-Einsätze ausgeschlossen waren. Dazu kamen muskuläre Probleme bei Sonja Zimmermann, die schon in der zweiten Hälfte gegen Frankreich am Oberschenkel bandagiert wurde und fürs zweite Gruppenspiel ausfiel. Auch wenn sie läuferisch natürlich nicht mehr auf gewohntem Standard agieren konnte, biss Zimmermann ab dem Irland-Spiel und bis zum Turnierende auf die Zähne und half dem Team, wo sie konnte. Die Bundestrainerin war froh darüber: „Mit 15 gegen 16 ist schwierig, mit 14 gegen 16 ist schwieriger“, so die Schopman-Logik.

Die deutschen EM-Neulinge Emilia Landshut (rechts vorne) und Ines Wanner (links von der Niederländerin Pien Sanders) rechtfertigten in Mönchengladbach ihre Nominierung. Foto: Kaste
Noch weniger Spielerinnen waren es dann zeitweise im Finale, weil die eine zu harte Marschroute in Bezug auf die persönlichen Strafen anlegenden Schiedsrichterinnen Deutschland mit zwei gelben Karten und zusammen 15 Minuten Unterzahl belegten (auch die Niederländerinnen hatten nach grün und gelb zusammen sieben Spielminuten eine Spielerin weniger auf dem Platz). Diese den Spielfluss massiv beeinflussenden Zeitstrafen hinderten die deutsche Mannschaft nicht daran, in der zweiten Halbzeit gegen den Topfavoriten ihr bestes Hockey auszupacken. Kämpferisch war es von Anfang an top, aber in den zweiten 30 Minuten waren auch die Aktionen mit Ball zwingender. Wenn eine niederländische Damenmannschaft anfängt, Flüchtigkeitsfehler zu machen und beim Schlusspfiff regelrecht befreit reagiert, dann sagt das einiges aus über die Leistung des Gegners.
„Um die Niederlande schlagen zu können, musst du gut spielen, müssen alle in deiner Mannschaft gut spielen“, weiß die Niederländerin Schopman aus eigener Erfahrung als Spielerin und Trainerin. Dazu bedarf es noch mehr Fertigkeiten mit dem Ball, individuell wie mannschaftlich. „Wir müssen besser werden, vor allem konstanter. Wir haben immer mal gute Phasen. Und wenn wir das Spiel machen müssen, dann müssen wir uns noch mehr trauen und noch schneller spielen können“, waren zwei EM-Erkenntnisse für die Bundestrainerin.
Mitnehmen kann Janneke Schopman aus der Mönchengladbacher Woche, dass sie in Linnea Weidemann eine überragende Verteidigerin und Führungspersönlichkeit im Team hat und dass auch sämtliche EM-Debütantinnen ihre Nominierung rechtfertigten und mit den gemachten Erfahrungen in Zukunft ihr Leistungsniveau noch weiter nach oben schrauben können. Wie das geht? Die Bundestrainerin hat die Antwort in Mönchengladbach ausgesprochen: „Lernen, lernen, lernen. Arbeiten, arbeiten, arbeiten.“

Mit Silber für eine starke Turnierschlussphase der Europameisterschaft belohnt: die deutschen Damen. Foto: Kaste
Detaillierte Spielberichte samt Stimmen zu allen deutschen EM-Partien gibt es auf der DHZ-Homepage hockey-zeitung.de unter Hockey-News.







