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Christopher Rühr: „Das ist für alle Spieler eine 1A-Lösung mit Sternchen“

Auch wenn am Sonntag das Topspiel gegen den Hamburger Polo Club knapp mit 3:4 verloren ging, so haben die Herren von Rot-Weiss Köln nach magerem Saisonstart mit nur einem Punkt aus den ersten drei Spielen den Umschwung mit danach drei Siegen in Folgen gut hinbekommen. RW-Kapitän Christopher Rühr (32) bespricht im Interview mit DHZ-Mitarbeiter Julius Hayner die Kölner Situation in der Liga, den Trainerwechsel von Darren Cheesman zu Pasha Gademan nach nur einer Saison, seine weiteren Pläne in der Nationalmannschaft und in der India Hockey League sowie auch das Karriereende seiner Lebenspartnerin Nike Rühr.

 

Herr Rühr, das war das zweite Doppel-Wochenende mit zwei absoluten Top-Gegnern und Spielen auf höchstem Liganiveau in Folge. Darf da bei Ihnen mit Blick auf Ihre Verletzungshistorie erst einmal die Frage erlaubt sein, ob bei Ihnen alles hält und Sie in der Lage sind, volle Leistung abzuliefern? Spüren Sie nach solchen Wochenenden etwas besonders oder nicht mehr als ohnehin schon?

CHRISTOPHER RÜHR: Nein, mein Knie spüre ich grundsätzlich wenig bis gar nicht. Auch das Risiko, dass ich mich nochmal in andere Weise an dem Knie verletzen könnte, besteht im Grunde nicht. Das Einzige, was ich jetzt zu Saisonbeginn gemerkt habe, ist, dass ich im Sommer durch mein Studium weniger trainieren konnte als sonst und mein Bein an Muskelmasse verloren hat. Das merke ich durchaus im Alltag, schränkt mich jedoch nicht ein.

 

Sie spielen mittlerweile mit einer sehr auffälligen Schiene am linken Bein. Bleibt es vorerst dabei, dass sie sich nicht mehr operieren lassen und dementsprechend künftig immer mit der Schiene spielen müssen?

In naher Zukunft ist erst einmal keine OP geplant. Ich könnte grundsätzlich aber auch ohne die Schiene spielen. Da das Kreuzband allerdings weiterhin gerissen ist, somit nicht stabilisiert und das Knie somit von der Muskulatur abhängig ist, ist das Risiko, dass ich umknicke und andere Strukturen verletze, einfach höher. Ich habe mich damals für die Schiene entschieden, um in Paris mehr Sicherheit zu haben. Und da war mein Bein nach der Reha sogar auf dem wahrscheinlich fittesten Level, auf dem es je war. Demnach ergibt es in der aktuellen Situation keinen Sinn, die Schiene abzulegen, und eine OP kommt, wie gesagt, auch nicht in Frage. Die würde an sich auch wieder Risiken mit sich bringen, und ich wäre ein Dreivierteljahr mit Reha beschäftigt. Darauf habe ich nicht allzu große Lust. Im Moment läuft es noch gut.


Lassen Sie uns den Blick auf die sportlichen Geschehnisse werfen. Nach einem eher mageren Saisonstart ist Köln nun zuhause sehr gut in Fahrt gekommen. Am vorletzten Wochenende gab es zwei Siege, dieses Wochenende einen Sieg gegen den HTHC und eine knappe Niederlage im Topspiel gegen Polo. Wie bewerten Sie den Saisonstart Ihrer Mannschaft?

Den Saisonstart haben Sie schon richtig beschrieben. Es ist sicherlich nicht unser Anspruch, aus den ersten drei Spielen nur einen Punkt zu holen. Das ist klar. Dann haben wir den Schalter aber gut umlegen können und bessere Leistungen gezeigt. Für mich kommt das allerdings nicht ganz überraschend, dass sich die Mannschaft zum Saisonstart noch etwas schwergetan hat. Wir haben über die Jahre nun viele erfahrene Topspieler verloren, an deren Stellen viele spannende Nachwuchstalente gerückt sind. Diese haben ein großes Potenzial, aber in den jungen Jahren sind die Leistungsschwankungen auch noch größer. Vor allem in engen Spielen macht die Erfahrung einen großen Unterschied. Die Spiele vom Wochenende waren sinnbildlich für diese Schwankungen. Gegen den HTHC haben wir erst sehr gut gespielt, hatten dann einen Hänger, sind plötzlich in Rückstand und haben es dann am Ende doch wieder gedreht. Das Gleiche gilt für das Polo-Spiel, wo wir nach 0:2 wieder zurückkommen und es dann doch wieder aus der Hand geben. Zwei symptomatische Spielverläufe. Das Potenzial ist trotzdem riesig, und die Jungs werden ihre Erfahrungen machen. Dann muss es wieder konstanter und stabiler werden.

Christopher Rühr (in rot) am vergangenen Sonntag beim Spiel gegen den Hamburger Polo Club (links Niklas Bosserhoff). Die Serie von Rot-Weiss Köln nach zuletzt drei Heimsiegen riss mit dem 3:4 gegen Polo.   Foto: Fehrmann



Vielleicht schwierig, für Sie zu beantworten, doch die Frage muss dann gestellt werden. Bei den Niederlagen in Mannheim und München haben nämlich mit Ihnen und Tom Grambusch eben genau zwei erfahrene Topspieler im Kölner Kader gefehlt. Früher wäre trotz Ihrer Abwesenheit wahrscheinlich noch genug Erfahrung im Kader gewesen. Mit Thies Prinz und Elian Mazkour gingen im Sommer allerdings nochmal zwei prägende Gesichter der vergangenen Jahre. Befindet sich die Mannschaft gerade im Umbruch, und fehlt es mittlerweile an klaren Führungsspielern und Erfahrung?

Ich glaube, dass es uns generell nicht an Führungsspielern und erst recht nicht an Qualität fehlt. Die Jungs müssen aber natürlich noch in die neuen Rollen hereinwachsen, und so etwas passiert nicht über Nacht. Natürlich liegt die Schlussfolgerung dann nahe, dass Tom und ich der Mannschaft Erfahrung und Stabilität in solchen Spielen geben. Ob wir das Spiel gegen München beispielsweise dann nicht aus der Hand gegeben hätten, kann man im Nachhinein nur vermuten. Die Liga ist mittlerweile so eng beieinander, dass man gegen jede Mannschaft straucheln kann. Trotz dessen gebe ich Ihnen Recht, dass wir gerade in einem Umbruch stecken. Der Rot-Weiß hat sich in den letzten Jahren in der Jugendarbeit sehr gut entwickelt. Da kommen viele wahnsinnig talentierte junge Spieler hoch, die mich schon richtig beeindrucken. Ich bin sehr, sehr angetan von unserer Jugend. Diese Jungs gilt es zu führen, so dass sie auch in diese Rollen reinwachsen können. Wir haben sicherlich gerade keine ganze Generation an Nationalspielern, wie es in den vergangenen Jahren vielleicht mal der Fall war. Das Zeug dazu haben die Jungs aber durchaus!

 

Wo sehen Sie Mannschaft dann konkret? Letztes Jahr war es sicherlich eine kompliziertere Saison, in der nicht wenige Leute Köln sogar eine Krise andichten wollten, was Sie selbst kritisch kommentierten. Am Ende war Rot-Weiss nach der Hauptrunde die drittbeste Mannschaft und schrammte nur denkbar knapp am erneuten Titelgewinn vorbei.

Ich glaube, dass der Unterschied nicht nur darin liegt, dass unserer Mannschaft in der Breite nicht mehr so stark besetzt ist, wie es in den letzten zehn Jahren meistens der Fall war, sondern dass alle anderen Mannschaften auch einfach aufgerüstet haben und die Liga deutlich internationalisiert ist. Dann kommen manche Leute vielleicht zum Entschluss, dass bei uns etwas schiefgelaufen sein muss. Früher stand es nie zur Debatte, dass Köln am Ende der Hauptrunde auf dem ersten Platz steht. Solche Einschätzungen sind aktuell über keine Mannschaft zu treffen. Wir haben weithin den Anspruch an uns, dass wir jedes Spiel gewinnen. Es ist gerade ein hartes Stück Arbeit, aber die Mannschaft ist absolut bereit dafür. Man sieht schon in der Hinrunde, dass das Team von Spiel zu Spiel lernt, und so müssen wir die Aufgabe auch angehen. Wir müssen uns langsam wieder oben anpirschen. Es wurde noch nie eine Mannschaft in der Hinrunde Deutscher Meister. Wir müssen weiter viel Wert auf die Entwicklung legen, um in der Rückrunde dann voll da zu sein. Wie gesagt, es kommen so gute Spieler hoch, dass wir zwangsläufig besser werden. Das hört sich so banal an, ist aber so.

Bei Olympischen Hockeyturnier 2024 in Paris spielte Christopher Rühr (am Ball im Gruppenspiel gegen Großbritannien) gut ein halbes Jahr nacxh seinem Kreuzbandriss mit einer Schiene um das (nicht operierte) Knie des linken Beines. Diese Schiene trägt er weiterhin bei seinen Bundesligaeinsätzen.  Foto: Kaste


Auch wenn es keine Krisen-Saison war, am Ende musste Darren Cheesman nach nur einem Jahr den Posten als Cheftrainer schon wieder räumen. Warum blieb es bei diesem kurzen Intermezzo an der Seitenlinie, und was erhofft sich der Verein von der Rückkehr von Pasha Gademan?

Es war schon eine in vielerlei Hinsicht unfassbar schwierige Saison. Eine post-olympische Saison ist nicht so leicht zu handlen, vor allem für einen solch jungen Trainer Die Spieler sind teilweise völlig überspielt, kommen gerade vom absoluten Highlight und sind eventuell nicht so heiß auf jedes einzelne Ligaspiel. Viele fallen auch in das vielzitierte Loch, auch nach einem erfolgreichen Turnier. Das war schwierig und für Darren sicherlich nicht immer leicht zu bewerkstelligen. Am Ende hat er das Beste draus gemacht. Wie schon gesagt, wir sind bis ins Finale gekommen und hätten in einem sehr offenen Spiel auch als Sieger vom Platz gehen können. Es war dementsprechend trotzdem eine erfolgreiche Saison. Es ist schwierig, da jetzt in die Details zu gehen. Am Ende hat Darren der Mannschaft beziehungsweise den Spielern vielleicht nicht genau das geben oder das entwickeln können, worauf es in dieser Phase, in der wir stecken, gerade ankommt. Dass vor allem die jungen Spieler dahingehend entwickelt werden, damit sie für Rot-Weiß und auch für Deutschland perspektivisch ihre beste Leistung geben können. Mit Pashas Rückkehr erhofft beziehungsweise weiß der Verein, dass er genau das bekommen wird. Wir wissen ganz genau, was wir kriegen. Das ist für alle Spieler eine 1A-Lösung mit Sternchen. Das ist ein Komplett-Paket, das man so selten nochmal findet. Am Ende sind wir Spieler aber auch in der Pflicht. Pasha kann uns Impulse geben, aber wir stehen letztendlich auf dem Platz.

 

Auch für Sie persönlich war es sicherlich sowohl auf als auch neben dem Platz ein bewegendes letztes Jahr. Nach der Last-Minute-Olympia-Teilnahme und dem Gewinn der Silbermedaille sah man Sie in keinem einzigen Pflichtspiel mehr für die Nationalmannschaft. Einen Rücktritt haben Sie allerdings nie verkündet. Auf die Heim-EM verzichteten Sie zuletzt zugunsten Ihres Studiums. Wie sieht Ihre persönliche Zukunft im Nationaldress aus?

Es gibt kein Ablaufdatum in dem Sinne, dass ich mir ein Turnier herausgesucht habe, das mein letztes sein soll. Solange es mir Spaß macht, es in meine und Nikes Planung passt und ich gut genug bin, spiele ich wieder für die Nationalmannschaft. Denn für Deutschland auflaufen zu dürfen, ist immer noch das Schönste und Größte, was es gibt. Ich habe nach den Olympischen Spielen eine bewusste Pause eingelegt, um meine duale Karriere zu fördern und akademisch die Ziele zu erreichen, die ich mir gesteckt habe. Das hat glücklicherweise auch genau so funktioniert, und ich habe alles so abgeschlossen, wie ich es mir vorgestellt hatte und mein Physikum erfolgreich absolviert. Jetzt geht es in die klinische Phase des Medizinstudiums, die ein bisschen flexibler ist, vor allem, was Fehlzeiten angeht. Das ist deutlich besser mit Lehrgängen und Turnieren zu kombinieren. Da bin ich immer mit André im Austausch. Aber ansonsten mache ich alles wieder mit, was jetzt in zwei Wochen mit dem Mini-Lehrgang anfängt.



Also wird der Hockeysport in Ihrem Leben weiterhin eine wichtige Rolle spielen? Ihre Lebensgefährtin, Nike Rühr, lehnte im Sommer wohl ein lukratives Angebot vom Düsseldorfer Zweitligisten DSD ab und spielt vorerst kein Hockey mehr. Beeinflusst das auch Ihre persönlichen Karriere-Entscheidungen?

Wir sprechen natürlich über alles und schauen, wie wir alles unter einen Hut bekommen. Nike hat dabei immer vollstes Verständnis für meinen Weg und weiß natürlich wie niemand anders, was Hockey mir bedeutet. Sie hat selbst so lange und erfolgreich gespielt, dass sie den großen Aufwand bestens versteht. Sie selbst hat sich jetzt dafür entschieden, den Hockeyschläger an den Nagel zu hängen, um ihr Leben nach dem Hockey zu beginnen und freut sich darauf sehr! Sie hat seitdem sie 16, 17 Jahre alt war, jedes Spiel, jedes Turnier ununterbrochen gespielt und ist auch eine Spielerin beziehungsweise ein Mensch, der immer mehr investiert als notwendig, immer 110 Prozent gegeben und auch über den Tellerrand hinausgeschaut hat. Das kostet unglaublich viel Kraft. Sie hat sich jetzt für den nächsten Schritt in ihrem Leben entschieden und möchte beruflich durchstarten und mehr von den Wochenenden haben als Reisen über die Hockeyplätze der Republik. Trotzdem unterstützt sie mich da, wo es nur geht und sieht, dass es mir weiter Spaß macht. 

 


Eine weitere Entscheidung, die sicherlich auch lukrativ sein wird, scheinen Sie auf jeden Fall getroffen zu haben. Anfang der Woche vermeldeten die Shrachi Bengal Tigers Ihre Verpflichtung für die kommende Saison der Hockey India League. Klappt es dieses Mal also wirklich mit dem Gastspiel in Indien?

Ja, dieses Mal wird es funktionieren. Letztes Jahr hat es noch aus verschiedenen Gründen nicht funktioniert. Dieses Mal ist es einfach ein super Deal, zumal ich mit Tom (Grambusch; d.Red.) auch in einer Mannschaft zusammenspielen werde und somit vor Ort auch einen Menschen habe, den ich perfekt kenne und der mich perfekt kennt. Das macht die Zeit vor Ort deutlich angenehmer. Mit Valentin Altenburg haben wir außerdem einen Trainer, den wir gut kennen und sehr schätzen. Das rundet das Ganze ab. Es ist auch noch eine super Vorbereitung auf das, was 2026 alles kommen soll. Da schadet es mit Sicherheit nicht, so früh im Saft zu stehen. Ich freue mich sehr auf dieses Abenteuer, und mal sehen, ob wir mit der neu zusammengewürfelten Truppe den Titel verteidigen können.



Schon am Freitagmittag geht es für Köln in der Bundesliga weiter. Am Tag der Deutschen Einheit empfangt Rot-Weiss den Aufsteiger aus Frankfurt. Der Anspruch für das Spiel dürfte klar sein, richtig?

Ja, wie vorhin gesagt. Wir wollen weiterhin jedes Spiel gewinnen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!