Ausländische Spieler und internationale Superstars zählten in der langen Historie der Hockey-Bundesliga schon immer mal wieder zum festen Bestandteil des Sortiments. Argentinier in Mannheim, Neuseeländer bei Polo, Österreicher beim HTHC, um nur einige prominente Beispiele zu nennen. Auch der ein oder andere niederländische Superstar verirrte sich mal ins Nachbarland, Osteuropäer und Briten fanden auch immer mal wieder ihre Wege in die Bundesliga-Kader. Der Vielfalt waren kaum Grenzen gesetzt. Im Sommer 2024 jedoch schwappte - nach den Olympischen Sommerspielen in Paris - eine ganz neue Welle internationaler Topstars in die Bundesliga. Und sie hinterließ Begeisterung, Weltklasse und mehr als nur einen Hauch von „Down Under“ auf den deutschen Hockeyplätzen.
Fast der halbe Olympiakader der Kookaburras wechselte in die höchste deutsche Spielklasse. Tim Brand und Tom Craig zum Hamburger Polo Club, Tim Howard und Lachlan Sharp nach Krefeld, Blake Govers und Aran Zalewski in die Domstadt Köln, Corey Weyer und Craig Marais zum Harvestehuder THC und Jeremy Hayward schloss sich dem Club an der Alster an. In diesem Jahr folgte zudem Jacob Anderson zum Mannheimer HC. Eine Liste, die zu fast jedem Zeitpunkt ihrer Karrieren das Potenzial gehabt hätte, die Wahl zum Welthockeyspieler zu stellen. Alle kamen sie mit unterschiedlichen Geschichten, Hintergründen und Beweggründen. Und doch fanden sie hier eine große Gemeinsamkeit: Eine neue (Hockey-)Heimat, weit weg von zuhause. Es ist weit mehr als nur eine Station für ein paar Monate. Sie sind weit mehr als nur saisonale „Gastarbeiter“.

Für Lachlan Sharp (links) und Tim Howard (rechts) brachte die erste Bundesligasaison nicht nur ein Abenteuer, sondern mit dem Meistertitel auch maximalen sportlichen Erfolg. Foto: privat
Dass sie sich nicht irgendwo im Olympischen Dorf abgesprochen und fein säuberlich ihre Wechsel in die Bundesliga geplant haben, ist kaum zu glauben - und doch beteuern es alle. „Wir haben das vorher wirklich nicht abgesprochen“, sagt Jeremy Hayward lachend. „Aber als der Erste ging, kam plötzlich Bewegung in die Sache.“ Dass ein Wechsel in die Bundesliga nicht lange ein Geheimnis blieb, überrascht kaum angesichts des engen Zusammenhalts der Australier. „Wir Jungs, die jetzt in Deutschland spielen, sind alle sehr eng befreundet. Natürlich sprechen wir dann auch über solche Themen“, erklärt Tom Craig, der zusammen mit Tim Brand als einer der Ersten seinen Wechsel in die Bundesliga eingetütet hatte. „Wir waren uns schnell einig, dass Deutschland ein attraktives Ziel ist.“
Danach fielen die Dominosteine - einer nach dem anderen. Die meisten hatten bereits Auslandserfahrung gesammelt, viele mit erfolgreichen Stationen in der niederländischen Hoofdklasse. Dass die Wahl dieses Mal auf Deutschland fiel, hatte jedoch vor allem zwei ganz praktische Gründe: Eine Regeländerung und der Faktor Zeit.
„Als ich angefangen habe, auf internationalem Niveau zu spielen, gab es in Deutschland noch die Regelung, dass man nur in einer einzigen Liga aktiv sein darf. Das schloss für uns einen Wechsel bis dahin aus, weil wir sonst in Australien nicht hätten spielen dürfen“, erinnert sich Hayward, der in Europa vorher in Den Bosch gespielt hatte.
Mit der Änderung der Regel öffneten sich die Türen für Howard, Sharp & Co. - und die Bundesliga lockte die Stars damit vor allem mit einem unschlagbaren Argument: Zeit. „Am attraktivsten war zunächst die kompaktere Saison, die es uns ermöglicht, trotz des umfangreichen Nationalmannschaftsprogramms in einer europäischen Top-Liga zu spielen“, sagt Tim Brand.
Denn die australischen Nationalspieler sind in Perth an einen strikten Trainingsplan gebunden - tägliche Einheiten im zentralen Nationalprogramm lassen wenig Spielraum. Die kürzere Saison in Deutschland erlaubt ihnen, nahezu alle Spiele für ihren Verein zu absolvieren und danach noch wertvolle Zeit mit Freunden und Familie in der Heimat zu verbringen. Win-win für beide Seiten.
Doch die Entscheidung für Deutschland war mehr als eine reine Zeitrechnung. „Die deutsche Nationalmannschaft war für uns in Australien immer ein Team, vor dem wir großen Respekt hatten - sie hat uns auf höchstem Niveau immer alles abverlangt“, sagt Craig. „Die Neugier, wie es ist, in diesem Land zu spielen, war immer da."

Wie es der Spielplan halt ergibt, sind die untereinander gut vernetzten "deutschen Australier" auch mal ihre eigenen Gegner. Wie hier im DM-Halbfinale 2025 Polo-Angreifer Tim Brand (in rot) und CHTC-Verteidiger Tim Howard (rechts). Foto: Kramhöller
Dass sie mit ihrer Wahl offensichtlich die richtige Entscheidung getroffen hatten, wurde ihnen schnell klar. Die Willkommenskultur, die sie in Deutschland erlebten, zieht sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche mit den Australiern. Ob in Hamburg, Köln oder Krefeld - überall fühlten sie sich vom ersten Moment an willkommen.
„Man hat sofort gespürt, dass Polo ein sehr familiärer Verein ist. Alle waren unglaublich freundlich und begeistert, dass wir da waren. Es wurde uns von den Verantwortlichen wie auch den Teamkollegen sehr leicht gemacht, uns hier wohlzufühlen“, erinnert sich Brand an seine Anfangszeit in Hamburg.
Dass er mit Tom Craig nicht nur einen weiteren Australier, sondern sogar einen seiner engsten Freunde, mit dem er schon in Australien zusammengelebt hatte, an seiner Seite wusste, erleichterte vieles im neuen Land, in der neuen Stadt und im neuen Team.
Auch Tim Howard hat das große Glück, das Abenteuer Deutschland mit einem seiner besten Freunde zu teilen. „Für Sharpy und mich ist das eine unglaubliche Erfahrung. Wir leben seit 2019 zusammen und kennen uns seit fast zehn Jahren, daher ist es etwas ganz Besonderes, gemeinsam im Ausland zu spielen. Meine Verlobte Savannah erinnert uns oft daran, dass wir uns kneifen sollen, weil es verrückt ist, dass wir wirklich unseren Traum leben“.
Während sich fast alle Australier in Zweiergespannen ihren neuen Teams anschlossen, wagte Hayward beim Club an der Alster den Schritt allein - und das ganz bewusst. „Natürlich hat es offensichtliche Vorteile, mit jemand anderem im selben Verein zu spielen. Man hat jemanden, mit dem man reden, etwas unternehmen und sich austauschen kann. Aber für mich war es auch sehr wertvoll, diesen Weg einmal alleine zu gehen - neue Leute kennenzulernen, mich zurechtzufinden und zu beweisen, dass ich auch ohne Begleitung bestehen kann. Das war eine sehr wertvolle Erfahrung für mich und hat super funktioniert“, erklärt der Strafecken-Spezialist.
Hayward fand nicht nur Gefallen an seinem Solo-Abenteuer, sondern auch ziemlich schnell am Niveau und an der Spielweise der Bundesliga. „Ich mag den deutschen Spielstil sehr. Er ist sehr strukturiert und überlegt. Einerseits einfach, andererseits aber auch schwer zu bespielen und gleichzeitig schwer zu knacken. Für mich ist es bereichernd, hier zu spielen, diesen Spielstil kennenzulernen, zu sehen, wie hier trainiert wird und worauf Wert gelegt wird“, so Hayward.
Im Vergleich mit anderen europäischen Ligen oder der heimischen Liga muss sich die Bundesliga dabei keineswegs verstecken. „Das Niveau ist insgesamt sehr hoch. Alle Mannschaften sind taktisch und individuell gut ausgebildet“, so Brand, der ebenfalls Erfahrung in den Niederlanden gesammelt hat. „Die Top-Teams könnten problemlos in der Hoofdklasse mithalten.“
Und so werden selbst erfahrene Spieler wie Hayward hier immer wieder überrascht. „Du gehst in manche Spiele, und da sind auf einmal 18-jährige, die Skills haben, die ich vorher noch nie gesehen habe“, zeigt sich der Alster-Verteidiger beeindruckt von den deutschen Nachwuchsspielern.
Dennoch prallen hier grundsätzlich zwei Hockey-Ideen aufeinander. „Ich würde sagen, der Hauptunterschied besteht darin, dass wir Australier ein schnelles, explosives Spiel mögen und gerne angreifen. Deutschland hat definitiv mehr Spielaufbau und langsamere Angriffsphasen bei beiden Teams“, vergleicht Brand, der wie kaum ein Zweiter für das attraktive, temporeiche australische Hockeyspiel steht.
Die Kookaburras sehen in den Unterschieden aber auch Vorteile für ihre Nationalmannschaft. „Beides zu wissen und beherrschen zu können, hilft uns als australische Nationalmannschaft. In Australien spielen wir eigentlich nur Manndeckung. Hier spielen die Teams manchmal vier verschiedene Systeme pro Spiel. Diese Variabilität in der Verteidigung, aber auch das Wissen, wie man die Verteidigung offensiv durchbrechen kann, macht uns auch besser“, analysiert Howard, der in Krefeld zur wichtigen Stütze in der Defensive und im Aufbauspiel avancierte.

Defensivspezialist Corey Weyer (links; im BL-Spiel gegen Niklas Wellen) sagt: "Ich denke, wir alle würden gerne so lange wie möglich in Europa spielen. Angesichts des internationalen Kalenders ist es schwierig, zu weit im Voraus zu planen, aber wir werden auf jeden Fall versuchen, für weitere Saisons in der Bundesliga zurückzukehren." Foto: Tischler
Eine Besonderheit der Bundesliga sticht für die Australier besonders hervor: das Doppel-Wochenende. „Ich war mir vorher nicht wirklich bewusst, wie viel Reisen damit verbunden sein würde. Daher wurde mir schnell klar, warum es in Deutschland Doppel-Wochenenden gibt. Angesichts der Entfernungen gibt es keine andere Möglichkeit. Das gibt es sonst nirgendwo“, berichtet Hayward.
Zwar sind die Distanzen in Australien deutlich größer, sodass die Mannschaften zu den meisten Spielen fliegen müssen, allerdings ist die neu gegründete Hockey-One-League auch deutlich kürzer. Innerhalb von acht Wochen wird dort die gesamte Spielzeit abgewickelt: sieben Vorrundenspiele und am letzten Wochenende das Final-Four.
Dank der Saisonlänge der Bundesliga können die Australier auch ihre heimischen Ligawettbewerbe absolvieren. Ein weiterer Vorteil der Hockey-Bundesliga.
Über die Frage nach großen Kulturschocks mussten die „Aussies“ lange überlegen. Zu problemlos fanden sie dafür den Anschluss in ihren Städten, zu schnell schlossen sie die Vereine und die Menschen in ihre Herzen. Einen großen Unterschied wollte Hayward allerdings nicht unerwähnt lassen. „Das Wetter war schon ein Schock für mich. In meiner Heimat bin ich 365 Tage Sonne gewöhnt. Hamburg war da nicht die beste Wahl, haben mir die Jungs gesagt“, sagt er lachend, dem dabei noch ein entscheidender Unterschied einfällt. „Das Nachtleben in Deutschland ist auch eine Umstellung. In Australien schließen die Clubs um 2 Uhr - da gehen die Jungs in Deutschland meistens erst los“.

Aran Zalewski (rechts; in einem Spiel der Saison 2024/25 gegen den TSV Mannheim) fehlt bei Rot-Weiss Köln derzeit ebenso wie Blake Govers. Beide sind vor kurzem Vater geworden und befinden sich in der australischen Heimat. Ein Bundesliga-Einsatz in der Rückrunde soll für alle Beteiligten eine Option sein. Foto: Fehrmann
Doch auch das Wetter und die längeren Nächte konnten eines nicht verhindern: Die Australier fanden in Deutschland eine neue Heimat. Die Verbundenheit zu den Vereinen und vor allem den Menschen, die sie auf ihrer Reise kennengelernt haben, ist in kürzester Zeit sehr stark geworden. Für Howard, der mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft auch sportlich bisher das Beste aus seiner Zeit hier machte, ist der CHTC weit mehr geworden als nur ein Arbeitgeber.
„Die Jungs, die Stimmung, die Tränen der Menschen, die dem Team nahestehen, und einfach die gesamte Atmosphäre im Verein – das war etwas, was ich noch nie zuvor erlebt hatte. Zu sehen, wie viel das für die ältere Generation des Vereins, für einige der älteren Spieler, bedeutete, war etwas ganz Besonderes, und ich bin sehr dankbar, dass ich ein Teil davon sein durfte“, sagt Howard, der schon bei jedem großen Turnier für Australien auf dem Platz stand. „Für mich fühlt es sich wie ein Höhepunkt meiner Karriere an, und wenn ich meine professionelle Hockeykarriere beende, wird dies mit die größte Erinnerung für mich sein“.
Auch für Hayward wird es trotz der sportlich schwierigen ersten Saison eine besondere Zeit bleiben. „Für mich ist die Zeit hier in Deutschland die einzige Zeit, in der ich im Wesentlichen ein professioneller Hockeyspieler bin. Wenn ich mit der Nationalmannschaft in Australien bin, arbeite ich als Lehrer, habe extrem volle Tage und bin sehr beschäftigt. Deshalb schätze ich die Zeit hier, wo ich mich voll und ganz auf Hockey konzentrieren und diesen Lebensstil als Profi genießen kann“.
Abseits des Platzes genießen die Australier das Leben in Deutschland. Die Connection untereinander ist stark, die gemeinsame Reise schweißt zusammen. Nicht nur in der WhatsApp-Gruppe, in der sie sich ständig über die jeweiligen Spiele und Eindrücke austauschen. Howard feiert mit dem Großteil der Bande seinen Junggesellenabschied in London und macht sich dabei die kurzen Distanzen Europas zu Nutzen. In den Städten und Vereinen selbst sind längst enge Freundschaften entstanden. „Was mir im Alltag besonders gefällt, ist, dass fast die Hälfte des Teams in Ottensen im Umkreis von 500 m voneinander wohnt. Das ist etwas ganz Besonderes, das ich so noch nie erlebt habe. Es macht den Alltag sehr angenehm, da man immer jemanden zum Unternehmen hat, und ist auch für die Teamkultur sehr förderlich“, freut sich Brand.
Die Australier eroberten die Bundesliga im Sturm - und Deutsche, die Vereine und vor allem die Menschen eroberten im Handumdrehen die Herzen der Australier. Sie sind in jeder Hinsicht eine Bereicherung für das Hockey in Deutschland. Und geht es nach ihnen, ist das Kapitel nach zwei Saisons noch lange nicht vorbei. „Wir müssen immer von Jahr zu Jahr schauen und die Situation mit dem australischen Verband auch neu prüfen. Geht es nach mir, spiele ich noch zwei Jahre in Krefeld. Krefeld ist für mich eine zweite Heimat geworden“, sagt Howard - und damit trifft er den Grundtenor seiner Nationalmannschaftskollegen. Die Vorzüge des Hockeys in Deutschland haben sich offenbar längst herumgesprochen. Diesen Sommer folgte vor allem in der 2. Bundesliga der nächste Ansturm australischer Hockeyspieler. Deutschlands Doppel-Wochenenden scheinen zum Sehnsuchtsort zu werden. Die Australier haben sich ihren Platz in den Geschichtsbüchern der Bundesliga in jedem Fall gesichert. Julius Hayner







