Bereits zum zweiten Mal nach Hamburg 2022 hat Deutschland den angestrebten Titel bei einer Heim-Europameisterschaft im Hallenhockey der Herren verpasst. In Heidelberg ging die deutsche Mannschaft bei der 22. Hallen-EM als Vierter sogar komplett medaillenlos aus dem Rennen, nach 2010 (Platz 5) zum erst zweiten Mal in der von 17 deutschen Turniersiegen geprägten EM-Geschichte. Den Titel holte zum vierten Mal Österreich, das im Endspiel Polen nach Shoot-out bezwang. Die Bronzemedaille gewann Spanien nach seinem Sieg im „kleinen Finale“ gegen Deutschland. 3800 Zuschauer im ausverkauften SNP Dome verfolgten die Entscheidung.
Der spätere Europameister Österreich startete sehr holprig ins Turnier. In seinem ersten Auftritt kam das Team des deutschen Trainers Robin Rösch am Donnerstagabend gegen Aufsteiger und EM-Debütanten Türkei nicht über ein 4:4-Unentschieden hinaus. Auch in den folgenden Spielen der Gruppe A hatte Vizeweltmeister Österreich Mühe, Offensivqualität zu entwickeln und in viele Tore umzumünzen. Der nach seinem Kreuzbandriss im Sommer 2025 noch nicht wieder zur Verfügung stehende und als Co-Trainer dem Heidelberger EM-Event beiwohnende Fabian Unterkircher wurde schmerzlich vermisst, die einstigen Torsalven des 2023 von der internationalen Bühne abgetretenen österreichischen Jahrhundertspielers Michael Körper ohnehin. So mühte sich Österreich mit knappen Ergebnissen weiter in Richtung Halbfinale. Nach 4:2 über Tschechien und 4:3 gegen den späteren Finalgegner Polen übernahm die Rösch-Truppe am Freitagabend in der Gruppe A erstmals die Tabellenführung.
Wie eng es in dem Fünferfeld zuging, wird an der Konstellation vor den letzten Vorrundenspielen am Samstagmorgen deutlich. Nachdem Tschechien und Polen sich ein 4:4-Unentschieden abgerungen hatten und punktgleich mit sieben Zählern ihr Gruppenprogramm beendeten, hätte Österreich bei einer Niederlage mit vier Toren Unterschied gegen Portugal noch den Einzug ins Halbfinale verpasst. Es wurde mit 3:3 ein erneut wenig Souveränität ausstrahlender österreichischer Auftritt. Trotzdem reichte es zu Platz eins im Abschlussklassement vor Polen, das mit der besseren Tordifferenz die punktgleichen Tschechen auf Rang drei verwies.
Im Kampf um Platz vier, gleichbedeutend mit dem Klassenerhalt, zog die Türkei den Kürzeren. Der ehrenvolle und gefeierte Punktgewinn gegen die Hallenhockey-Großmacht Österreich sollte der einzige für das vom Mannheimer Zafer Kir betreute Team sein. 1:5 hatte die Türkei zuvor gegen Polen verloren. Die Freitagsspiele gegen das von Christoph Bechmann gecoachte Portugal (3:5) und Tschechien (4:5) waren jene, die das Kir-Team hätte mit etwas mehr Erfahrung vielleicht gewinnen können. Aber es hat dann eben doch nicht ganz gereicht. Das mit 4:3 gewonnene Spiel um Platz neun gegen den Mitaufsteiger Irland war letztlich ein versöhnlicher Abschluss für die Türkei.
Wie für die Türkei war es in Heidelberg auch für Irland die Premiere auf dem höchsten Leistungslevel der Hallen-EM. Und genauso wie die Türken zeigte auch Irland in Gruppe B, dass es kein Kanonenfutter für die erfahrene Konkurrenz war. Bis auf das 2:11 gegen Spanien fielen die Resultate für den irischen Aufsteiger durchaus anständig aus. Im Auftaktspiel gegen Belgien führte der Neuling zur Halbzeit gar 2:0, musste sich dann aber doch noch 3:5 beugen.
Auch gegen Deutschland versteckten sich die Iren keineswegs. Dass bis ins letzte Viertel der 4x10-minütigen Spielzeit (international wird jedoch bei den Strafecken die Zeit angehalten, was ja im nationalen Spielverkehr in Deutschland nicht der Fall ist, bei allerdings 4x15 Minuten Spieldauer) hinein beim Stand von 4:3 für den Favoriten kein klarer Sieger auszumachen war, konnte einerseits als Beleg für die irische Wettkampftauglichkeit und zugleich als deutsche Eingewöhnungsphase im Auftaktspiel am Donnerstagabend zu werten sein. Am Ende stand ein eher mühevoller 7:3-Pflichtsieg für die Mannschaft von Matthias Witthaus und Jan Philipp Rabente. Die Debütanten Luca Großmann (3) und Sten Brandenstein (1) konnten sich bei ihrem ersten Auftritt im Nationaltrikot gleich mal in die Torschützenliste eintragen.
Bleiben wir noch kurz bei Irland. Die Chance auf den Klassenerhalt verspielte der Aufsteiger am zweiten Tag im letzten Spiel gegen die Schweiz. Im Duell der beiden bis dahin punktlosen Teams verlor Irland mit 3:6 und war somit als Gruppenletzter abgestiegen.
Deutschland hatte bei der EM 2024 in Leuven mit 5:6 gegen die Schweiz verloren. Der einzige eidgenössische Sieg in 19 Hallen-Begegnungen mit dem großen Nachbarn spielte sich vor zwei Jahren zu einem Zeitpunkt ab, als die DHB-Auswahl bereits sicher im Halbfinale stand und die Niederlage folgenlos verkraften konnte. Diesmal war das natürlich anders. Im zweiten Auftritt am Freitagmittag brauchte jeder seine Punkte, und speziell Deutschland wollte sein Level nach dem holprigen Irland-Auftakt nach oben schrauben. Das gelang über weite Strecken auch. Insbesondere Nik Kerner erwischte einen starken Auftritt, schoss beim nächsten deutschen 7:3-Erfolg vier Tore selber und bereitete zwei weitere vor. Auch wenn am Ende das Resultat gleich lautete wie am Vorabend, so war dieser Erfolg über das von Claas Henkel (UHC Hamburg) gecoachte Schweiz-Team bei Zwischenständen von 4:0 und 6:1 schon deutlich ungefährdeter.

Die Bundestrainer Matthias Witthaus und (verdeckt) Jan Philipp Rabente tüftelten neben der Bande, wie ihre Schützlinge (links Nik Kerner, rechts Anton Pöhling) gegen Polen den Halbfinal-Rückstand noch umbiegen könnten. Am Ende half alles nichts. Foto: Kaste
Am Abend stand für Deutschland die Partie gegen Belgien an. Der Hallen-Weltranglistendritte war durch sein 5:6 gegen Spanien schon ziemlich unter Druck in Bezug auf die Halbfinalteilnahme. Eine weitere Niederlage wäre einem Aus aller belgischen Halbfinalambitionen gleichgekommen. Die Partie wurde zu einem echten Debakel für Belgien. Die deutsche Abwehr hatte wechselweise durch Tom Schmidt-Didlaukies und Vincent Scholz den Starstürmer Philippe Simar wirkungsvoll an die Kette gelegt, und im eigenen Offensivspiel wurden im Vergleich zu den ersten beiden Auftritten gleich mehrere Schippen draufgelegt. Insbesondere Nicolas Proske trumpfte stark auf und war mit vier Treffern der beste von insgesamt acht (!) verschiedenen deutschen Torschützen. Allerdings machte es eine ziemlich löchrige belgische Mannschaft mit wenig defensiver Disziplin und Ordnung dem Gegner auch verhältnismäßig einfach. 13:2 hieß es am Ende zur Freude der deutschen Fans und Verantwortlichen.
Deutschland hatte mit seinem dritten Sieg nicht nur faktisch die Halbfinalteilnahme jetzt sicher, sondern sich gegenüber den punktgleichen Spaniern den kleinen Vorteil des besseren Torverhältnisses erspielt, so dass im direkten Aufeinandertreffen am Samstagmittag bereits ein Unentschieden für den Gruppensieg gereicht hätte. Dieses Polster schien die DHB-Auswahl überhaupt nicht in Anspruch nehmen zu wollen, als sie im ersten Viertel loslegte wie die Feuerwehr und es nach acht Minuten schon 3:0 stand. Ab dem zweiten Viertel kamen die zunächst überfahrenen Spanier besser ins Spiel, und spätestens in der zweiten Halbzeit drückten die Mannen um den Mannheimer Manuel Prol als Kapitän und Solokünstler wie Pere Amat oder Ferran Munoz der Partie den Stempel auf. Zwar behielt Deutschland im Ergebnis über 3:1 und 5:2 die Oberhand, aber zum Ende hin wurde es beim 5:4 noch einmal sehr eng. „Spanien war technisch besser als wir“, stellte der frühere Dribbelkünstler Stefan Blöcher als aufmerksamer Tribünengast fest.
Der allgemeine Eindruck in der Halle war, dass sich beide Teams tags darauf noch einmal wiedersehen würden, weil sie gegenüber Österreich und Polen als den beiden Halbfinalisten aus der anderen Gruppe als stärker eingestuft wurden. Es kam tatsächlich zum deutsch-spanischen Wiedersehen – aber nicht im Finale. Denn die Vorschlussrundenspiele am Samstagabend lieferten doppelte Überraschungen.
Spanien diktierte gegen Österreich im ersten Halbfinale (unter der Leitung des deutschen Schiedsrichters Tim Meissner) wie erwartet das Spielgeschehen, machte jedoch aus seinem Ballbesitz- und Chancenplus zu wenig. Spätestens beim Urgestein Mateusz Szymczyk im österreichischen Kasten war Endstation, auch der wie Benjamin Stanzl kurzfristig reaktivierte Abwehrchef Xaver Hasun fing einiges ab. Vorne war Kapitän Fülöp Losonci die Lebensversicherung. Mit drei Treffern zum 3:3-Endstand brachte er Österreich ins Shoot-out. Dort genügte ein einziger erfolgreicher Versuch von Losonci zum 1:0-Sieg, „weil wir den besten Shoot-out-Torhüter der Welt haben“, so der Kapitän über den Ruhepol Szymczyk, der alle drei spanischen Versuche vereitelte.
Das zweite Vorschlussrundenspiel zwischen Deutschland und Polen war die Neuauflage des EM-Finals 2024 (5:2). Polen war 2006 das erste Team, das der Hallenhockey-Weltmacht Deutschland nach über drei Jahrzehnten die erste Niederlage beifügen konnte. Vor 20 Jahren war Dariusz Rachwalski als Spieler bei diesem historischen 9:4 im EM-Vorrundenspiel in Eindhoven dabei (das Finale gewann Deutschland dann gegen Polen mit 4:3), diesmal wollte er es als inzwischen langjähriger Trainer des polnischen Teams dem Favoriten Deutschland so schwer wie möglich machen. Und das gelang ihm und seinem Taktikhelfer Tin Matkovic vorzüglich. Das deutsche Spiel gelangte überhaupt nicht in Schwung, durch einen geschickten Wechsel zwischen Pressing und tiefer Abwehrstellung machten es die Polen dem Gegner von Beginn an sehr schwer. Nach einem ersten Viertel ohne einen einzigen deutschen Torabschluss hatte Deutschland gleich mit Start der zweiten zehn Minuten plötzlich drei Riesengelegenheiten. Entweder standen die Latte oder der bärenstarke Mateusz Popiolkowksi dem deutschen Führungstreffer im Weg. Als schon alles auf eine torlose erste Spielhälfte zusteuerte, düpierte Gracjan Jarzynski seinen HTHC-Teamkollegen Jasper Ditzer im deutschen Kasten mit einem Rückhandball aus spitzem Winkel zum 0:1.
Als nach 24 Minuten auf deutscher Seite endlich der Bann gebrochen war und Dieter Linnekogel mit der Verwandlung der zweiten Ecke der Ausgleich gelang, ging ein Orkan der Erleichterung durch die mit knapp 4000 Zuschauern ausverkaufte Halle. Was als Wendepunkt des Spiels hätte in die Spielchronik eingehen können, war tatsächlich nur ein kurzer Gleichstand. Der Rückschlag kam schnell und doppelt. Koperski verwandelte die einzige polnische Ecke zum 1:2, Jarzynski legte gleich noch den nächsten Rückhandschlenzer zum 1:3 ins deutsche Nest.
Das Publikum versuchte mit verstärkten „Deutschland, Deutschland“-Rufen zu helfen, doch das eigene Team wurde nicht stärker davon. Im Gegenteil. Man hatte den Eindruck, dass die Erwartungslast von außen und der unbedingte Wunsch der Spieler, es gerade vor den eigenen Fans nicht vermasseln zu dürfen, auch das letzte Quäntchen an Leichtigkeit aus dem deutschen Spiel vertrieb. Eine der wenigen Ausnahmen war die raffinierte Linnekogel-Vorbereitung des 2:3 durch Brandenstein.
Das letzte Viertel brachte schnell den nächsten Dämpfer, als Polen-Kapitän Jacek Kurowski den deutschen Keeper aus kurzer Distanz zum 2:4 tunnelte. Bald darauf war der bittere Arbeitstag für Jasper Ditzer beendet. Schon knapp sieben Minuten vor Ende stellte Deutschland auf künstliche Überzahl um. Dem folgenden Powerplay-Spiel fehlten entweder das Tempo, die Präzision, ein Überraschungsmoment oder ein individueller Geistesblitz. Nur ein einziges Mal konnte der polnische Riegel beim 3:4 durch Anton Pöhling durchbrochen werden. Selbst eine Zeitstrafe überstanden die Polen schadlos. Nach Schlusspfiff konnten sie ihr Glück kaum fassen, während die Schockstarre die Zuschauer und das deutsche Team erfasste.

Restlos ausverkauft mit 3800 zahlenden Zuschauern war der SNP Dome in Heidelberg an den beiden Wochenendtagen. Volle Ränge gab es schon zum Gruppenspiel zwischen Deutschland und Spanien am Samstag um die Mittagszeit. Foto: Kaste
Der Titeltraum war geplatzt. Aber es bestand ja noch eine Chance, zumindest mit einer Bronzemedaille aus dem Turnier rauszugehen. Dazu musste am Sonntag das Spiel um Platz drei gegen Spanien gewonnen werden. Anders als im Gruppenduell legten diesmal die Spanier vor. Der nach Kurzeinsätzen gegen die Schweiz und Belgien diesmal von Anfang an im deutschen Kasten stehende Lukas Stumpf konnte ein 0:2 nach fünf Minuten zwar nicht verhindern, zeigte aber in der Folge, dass er ein starker Hallentorwart ist. Bis Mitte des zweiten Viertels konnte die zwar engagierte, aber nie eine wirkliche spielerische Sicherheit gewinnende deutsche Mannschaft durch einen Kerner-Siebenmeter und eine Brandenstein-Direktabnahme ausgleichen. Auch gegen einen nochmaligen Zwei-Tore-Rückstand stemmte sich das deutsche Team erfolgreich, vor allem dank des zweiten Blocks. So sorgten Vincent Scholz und nochmal Brandenstein für den 4:4-Halbzeitstand.
Sein riesiges Torjägerpotenzial ließ Sten Brandenstein beim einzigen Treffer im dritten Viertel aufblitzen. Das 5:4 aus vollem Lauf zur ersten deutschen Führung hätte die perfekte Wende sein können. Doch die hochmotivierten Spanier hielten Druck und Tempo hoch, kamen vier Minuten vor Ende zum leistungsgerechten 5:5, und als schon alles mit einem Shoot-out gerechnet hatte, versetzte Pablo Roman fünf Sekunden vor Ablauf der Uhr dem Gegner mit dem 6:5 den Todesstoß. Im 16. Hallen-Länderspiel gegen Deutschland gelang Spanien der erste Sieg überhaupt, damit war auch nach 20 Jahren Pause die zweite EM-Bronzemedaille perfekt. Gleichzeitig nahm für die deutschen Herren mit den Niederlagen Nr. 9 und 10 in immerhin 217 Hallen-Länderspielen seit 1972 das Heidelberger EM-Turnier ein sportlich bitteres Ende.
Das folgende Endspiel zwischen Österreich und Polen litt unter dem atmosphärischen Tiefpunkt, den die deutsche Niederlage zuvor in der Halle ausgelöst hatte. Und der Spielverlauf des Finals tat wenig dafür, dass noch einmal Stimmung auf den Rängen aufkam. Es war zähes, taktisches Hallenschach. Polen führte zunächst durch Kurowski und Jarzynski verdient mit 2:0, vom Gegner kam erschreckend wenig. Der in letzter Sekunde der ersten Hälfte durch Losonci erzielte Anschlusstreffer weckte noch einmal die Lebensgeister der Österreicher, die in der zweiten Hälfte mehr taten und einen 1:3-Rückstand (Gumny) durch Eitenberger und natürlich Losonci zum gerechten 3:3-Endstand ausglichen.
Im Shoot-out verwandelten die ersten fünf Schützen (Losonci, Wellan, Eitenberger für Österreich, Kurowski und Pawlak für Polen). Als dann Jarzynskl, der fünf Minuten vor Ende einen Siebenmeter gegen Szymczyk zum möglichen 4:3 vergab, den Ball erneut nicht an den Schonern des Keepers vorbeibrachte, war Österreich zum vierten Mal nach 2010, 2018 und 2022 Hallen-Europameister. Polen verpasste es, sich als vierte Nation nach Deutschland (17 Titel), Österreich (4) und Russland (1) auf die Siegerliste zu setzen.
Dass ausgerechnet Final-Unglücksrabe Gracjan Jarzynskl bei der Siegerehrung zum besten Turnierspieler ausgezeichnet wurde, dürfte ihn kaum getröstet haben. Auch Polens Mateusz Popiolkowksi konnte bei seiner Ehrung zum besten EM-Torwart nur schwer lächeln. Ähnliches fiel Philipe Simar bei seiner Auszeichnung zum besten EM-Torschützen mit zwölf Treffern schwer, zählten doch die Belgier mit ihren Leistungen und Platz fünf zu den Enttäuschungen des Wochenendes. Am Ende hatte auch Deutschland noch etwas gewonnen: die Auszeichnung für Vincent Scholz als bester U21-Spieler dieser EM. Ein schöner Trost, der die deutsche Enttäuschung sicherlich nur zu einem ganz kleinen Teil aufwiegen konnte. lim







