Frankfurt, Süwag Energie Arena, 5. Februar 2023: knapp 4500 Hockeyfans, volles Haus, Adrenalin pur – und Raphaël Adrien pfeift zusammen mit dem Potsdamer René Pleißner das DM-Herren-Endspiel. Sein erstes deutsches Finale, gleich ein Nord-Lokalderby, HTHC gegen Alster. „Eines der absoluten Highlights meiner bisherigen Schiedsrichterkarriere“, wird Adrien später sagen. Als Bundesligaschiedsrichter liebt er die Hamburg-Derbys der Nordgruppe: „Teams, die sich schon ewig kennen, viele internationale Leute, enge Top-Spiele, und es geht eigentlich immer mit um die Deutsche Meisterschaft.“
Finale in Frankfurt – auch deswegen etwas Besonderes für Adrien, weil der gebürtige Wiesbadener nur 20 Kilometer weiter westlich aufgewachsen ist und beim DHC Wiesbaden Hockey lernte. „Als ich das Finale gepfiffen habe“, erzählt Adrien, „kamen Leute aus meinem Heimatverein, die ich ewig nicht gesehen habe.“ Auch im Jahr darauf wird Raphaël Adrien fürs Final Four nominiert, pfeift 2024 ein Halbfinale in Frankfurt.
2025 bleibt die Hallen-DM in Frankfurt, doch Adrien verpasst das Final Four. Jüngst, Anfang Februar 2026, fehlt sein Name erneut auf der Nominierungsliste. Die Leistung im Viertelfinale habe nicht gereicht, weiß der 29-Jährige. Auch, woran er arbeiten muss. „Nichts Unbekanntes“, erklärt Adrien selbstreflektiert. Ärgern tut er sich trotzdem. Oder gerade deswegen. Und freut sich doch für seine nominierten Kollegen.
Die zweite Endrunde in Folge schaut Adrien beim Final Four 2026 nur zu. Wie eng Freud und Leid auch im Leben eines Top-Schiedsrichters beieinanderliegen, erfährt er nur eine Woche später: Da postet er nicht ohne Stolz das Schreiben des Hockey-Weltverbandes in seinen sozialen Medien: „Promotion to Outdoor Umpire – Leading Panel“ lautet die Überschrift, die FIH beruft Raphaël Adrien in den „Elitekader“ für Feldhockey-Schiedsrichter.
Zeitsprung: 2008 oder 2009 fängt alles an. Wann genau, weiß Adrien selber gar nicht mehr so richtig. Im Sommerferienprogramm der Stadt Wiesbaden machte er damals ein bisschen mit beim Hockey beim DHC. Wurde B-Knabe, spielte Pokalrunde, „immer semi-erfolgreich“, wie er sagt. Zur gleichen Zeit machte Adrien die Schiedsrichterlizenz. Motiviert vom damaligen Schiedsrichterausbilder im Verein und mittlerweile über 400-fachen Bundesligaschiedsrichter Michael Albrecht. „Ich fand das eigentlich ganz cool“, erinnert sich der damals 12-Jährige, „und bin drangeblieben.“
Hans-Jürgen-Pabst-Pokal des Hessischen Hockey-Verbands für U14, lief! Süddeutsche Meisterschaften, auch noch gut! Start geglückt, dann stotterte das Projekt Schiedsrichtern etwas. 2012 U14-Länderpokale Halle in Berlin, erste offizielle DHB-Sichtung: „Da bin ich krachend durch den Regeltest gefallen“, gibt Adrien offen zu. 2013 in Darmstadt darf er noch einmal ran, diesmal reichte es mit dem Pfeifen nicht ganz. Im Dezember 2014, Hallen-Länderpokale in Berlin, passt endlich alles. Adrien kommt in den DHB-Nachwuchs-Kader, Jugend-DMs und weitere Maßnahmen folgen.
Nun kann die Bundesliga rufen: 2016 erst die Damen in der Halle, 2017 dann Feld-Bundesliga Damen. 2018 zweite Liga Herren, 2020 endlich der Sprung in die 1. Bundesliga.

Da steht es schwarz auf weiß: Raphael Adrien hat seine Einstufung in den FIH Outdoor Umpire Leading Panel direkt vom Präsidenten des Welthockeyverbandes, Tayyab Ikram, mitgeteilt bekommen. Foto: privat
Erste Länderspielluft schnupperte der ausgebildete Weintechnologe bereits 2017 bei einer U21-Testspielserie gegen England in, nicht ganz unpassend, Neustadt an der Weinstraße. Richtig ernst wurde es international 2019, als Andreas Knechten, damals Vorsitzender des DHB-Jugend-Schiedsrichter-Ausschusses, Raphaël Adrien für das U21-Acht-Nationen-Turnier in Madrid vorschlug. Dies öffnete das Tor zur internationalen Karriere. Im selben Jahr kam Adrien ins „Umpires for Europe“-Sichtungsprogramm, 2022 zur U21-EM im belgischen Gent. 2023 stieg er in den Elitekader „EuroHockey’s Umpire Development Programme“ auf.
Anfang 2024 profitierte Adrien vom Wechsel in den FIH-Einstufungen und fand sich plötzlich im zweithöchsten „High Potential Panel“ wieder. Nun war der Weg in die FIH Pro League frei, Adrien debütierte am 23. Mai 2024 in Antwerpen. „Das lief sehr gut“, so Adrien, „und seitdem war ich vergangenes Jahr bei Pro-League-Turnieren in Argentinien und London.“
Entgegen kommt dem Wiesbadener dabei, dass er unglaublich gerne reist: „Das kann ich durch das Hockey international super verbinden!“ Egal, wo Raphaël Adrien gerade ist, er saugt auf, was er kann, hört den erfahrenen Experten in den Sichtungsprogrammen zu, knüpft Kontakte und Freundschaften mit internationalen Kollegen. „Auf Maßnahmen und Turnieren habe ich Schiedsrichterkollegen und -kolleginnen kennengelernt, mit denen ich mich heute noch austausche“, erzählt Adrien.
Noch eine Sache kommt dem deutschen Unparteiischen zugute: „Meine 1,89 Meter Körpergröße verhelfen mir auf dem Platz natürlich schon mal zu einem besseren Standing. Aber ich bin auch eine nahbare Person, zum kurzen Gespräch auf dem Platz bereit und habe das Gefühl, dass das bei den Spielern auch ganz gut ankommt.“
Eine Eigenschaft, die ihm auch im Austausch mit Kollegen und Schiedsrichterbeobachtern hilft, und die Knechten bereits auf den ersten Jugend-Endrunden auffiel: „Von den Regeln her war Raphaël damals gar nicht so gut, aber seine Kommunikation war schon damals bombastisch. Das konnte Türen öffnen.“
Knechten und Hans-Werner Sartory, als DHB-Ausbilder bei Deutschen Endrunden damals das „Duo infernale“, waren sich einig: „Den Jungen müssen wir fördern. Er hat das Grundgerüst, das du als Schiedsrichter brauchst.“
Als der Nachwuchs-Schiedsrichter dann auf dem Sprung in die 1. Bundesliga Herren war, holte Knechten Adrien in den DHB-Jugend-SRA. Junge Schiedsrichter sollten vom Know-how des Wiesbadeners profitieren. „Auch dort kam er sehr gut an. Und tut es immer noch“, so Knechten.

Raphaël Adrien zusammen mit der Schottin Sarah Wilson bei seiner Pro-League-Premiere im Mai 2024 in Antwerpen. Foto: privat
Und obwohl Knechten Adriens Karriere seit über zehn Jahre begleitet, pfiffen sie vor drei Wochen erstmals zusammen: Abstiegsduell, 2.Bundesliga Herren, Bonn gegen Aachen: „Ich holte Raphaël in Leverkusen ab, er hatte am Vortag in Gladbach das Viertelfinale Krefeld–UHC gepfiffen.“ Jenes Viertelfinale, das über Adriens Schicksal für das Final Four 2026 entscheiden sollte.
Vielleicht machte sich der junge Schiedsrichter deshalb gerade etwas mehr Gedanken über seine Zukunft als Schiedsrichter. Im Auto auf dem Weg nach Bonn sprachen beide über eine mögliche Hochstufung. Adrien wusste, dass die Möglichkeit bestand, auf drei internationalen Turnieren wurde er ausreichend gut bewertet.
Und seine Intention war richtig: Keine zwei Wochen später wird Raphaël Adrien ins FIH-„Leading Panel“ im Feld hochgestuft. Damit wäre Olympia 2028 in Los Angeles zwar möglich, davon will Adrien aber nichts hören: „In diesem Panel zu sein ist auch eine Anerkennung meiner Arbeit der vergangenen Jahre. An Olympia 2028 denke ich da nicht, das wäre zu weit hergeholt. 2032, das wäre natürlich ein großes Ziel. Aber erst einmal würde ich gerne zur EM nächstes Jahr.“
Davor ist Ägypten das nächste Ziel: In wenigen Tagen geht es für ihn zu den FIH Hockey World Cup 2026 Qualifiers, einem von insgesamt drei Qualifikationsturnieren für die WM 2026 in Belgien und den Niederlanden. Raphaël Adrien wird der einzige deutsche Schiedsrichter sein: „Die Chance möchte ich nutzen und zeigen, dass die FIH mit der Nominierung die richtige Entscheidung getroffen hat.“ Andrej Oelze







