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Florian Keller: „Wir merken, dass wir ernster genommen werden als in der letzten Saison“

Ihren achten Tabellenplatz, den sie als Saisonziel in der 1. Bundesliga anvisiert hatten und auf dem sie über die Winterpause hinweg auch gestanden sind, haben die Damen des Bremer HC am Startwochenende des zweiten Saisonabschnitts durch Niederlagen bei Rot-Weiss Köln (0:2) und beim SC Frankfurt 80 (0:1) erst einmal verloren. Doch BHC-Trainer Florian Keller (44) will sich den Optimismus nicht nehmen lassen, dass der Klassenerhalt durch eine Play-off-Platzierung oder notfalls auch über die Play-down-Teilnahme erneut geschafft werden kann. Mit DHZ-Mitarbeiterin Claudia Klatt sprach der Olympiasieger (2008), der wie sein Vater Carsten (1972) und seine Geschwister Andreas (1992) und Natascha (2004) eine olympische Goldmedaille gewann, über Probleme in der Saisonvorbereitung, die Auswirkung des Hallen-Abstiegs und die Aussichten für die nächsten Wochen. 

     

Herr Keller, zum Rückrundenstart mussten Sie gleich gegen einen Konkurrenten um die von Ihnen anvisierten Play-off-Plätze antreten. Wie schwer war das für Sie?

Florian Keller: Nach der langen Pause von fünf Monaten ist es immer schwierig, wieder reinzukommen. Aber es ist für alle Teams schwierig, wenn man sofort wieder funktionieren muss. Bei uns ist es allerdings noch etwas spezieller, weil wir mit mehreren internationalen Spielerinnen und Jugendspielerinnen, die noch dazugekommen sind, spielen. Sich dann zu finden und ein Gefühl füreinander zu bekommen, braucht einfach ein bisschen Zeit. Wir wussten, dass es am Anfang schwer wird. Und dann gleich gegen Köln zu starten oder generell auswärts, war unangenehm. Wir haben im ersten Viertel ein ganz gutes Spiel gemacht. Leider fangen wir uns aus einem Eckenkonter eine Gegenecke, die dann zum 0:1 führt, wovon wir uns mental nicht mehr erholt haben. Von da an war Köln das bestimmende Team und gewinnt das Spiel verdient. Das muss man so auch anerkennen. Ihr derzeitiger Tabellenplatz spiegelt die Qualität des Teams nicht wider. Trotzdem wollten wir für uns versuchen, alles rauszuholen. Das hat nicht geklappt, und wir haben gemerkt, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben.


Wie lief Ihre Vorbereitung? Es kommen bei Ihnen noch immer auswärtige Spielerinnen für die Feldsaison dazu, die nicht in der Halle spielen?

Unsere Vorbereitung lief alles andere als optimal. Unsere internationalen Spielerinnen waren fünf Monate zu Hause und sind mittlerweile wieder zurückgekommen, manche leicht verspätet. Delfina Granatto hat beispielsweise noch den WM-Qualifier mit Italien in Indien gespielt. Somit fehlte unsere Stürmerin, die die meisten Tore in der Hinrunde geschossen hat, bei allen Testspielen. Ansonsten war das Team aber vollständig, und eigentlich hatten wir auch genug Zeit, aber leider gab es Probleme mit der Bewässerung unserer Platzanlage. Daher konnten wir in der gesamten Vorbereitung nur einmal auf unserem großen eigenen Platz trainieren. Der März in Bremen war so trocken und sonnig, dass wir nicht - ohne die Gesundheit zu gefährden - auf den Platz gehen konnten. Unsere Testspiele haben wir deswegen auf anderen Plätzen gespielt. In Bremen war nur Training auf unserem Hockey5-Platz möglich. Man hat uns leider angemerkt, dass uns die Abstimmung auf dem großen Feld noch fehlt, so dass wir aber positiv gestimmt sind, wenn wir jetzt ins richtige Trainieren kommen, auch gute Resultate einfahren zu können.

 

Im entscheidenden Duell um den Klassenerhalt in der Nord-Gruppe der 1. Bundesliga Halle zogen die Bremer Damen (in weiß) gegen Eintracht Braunschweig den Kürzeren. Foto: Kaste

 

Sie müssen also für Testspiele weit fahren und haben auch am Auftaktwochenende weite Wege zurücklegen müssen. Ist das auch ein Nachteil?

Klar, wir sind ein kleines Hockeybundesland, aber das kriegen wir eigentlich immer ganz gut hin und fahren gerne nach Hamburg oder in den Westen, um zu testen. Am Sonntag in Frankfurt haben wir dann auch gar kein so schlechtes Spiel gemacht. Der SC80 hat gefühlt nur die eine Chance gehabt, und wir haben 60 Minuten gedrückt und den Ball nicht über die Linie bekommen. Chancen hatten wir genug, auch Ecken, aber da hat man schon gemerkt, dass die Feinabstimmung noch gefehlt hat, um auch Punkte mitzunehmen. Trotzdem lief das Spiel eigentlich so, wie wir uns das vorgestellt haben. Frankfurt schießt eben aus einer Chance das Tor und kämpft anschließend wahnsinnig gut, das muss man auch anerkennen. Die haben einen Riesenfight hingelegt und haben das eigene Viertel so verteidigt, dass wir nicht zu den Chancen gekommen sind, die zwingend genug waren.

 

Sie sind trotzdem noch entspannt, auch wenn das Auftaktwochenende nicht ganz optimal lief?

Schon. Es ist noch früh in der Saison, und wir wissen, wo wir herkommen und was für ein Verein wir sind. Wir sind ein kleines Hockeybundesland, und dass wir hier Bundesligahockey zelebrieren können, ist sowieso schon eine Sensation. Jetzt haben wir in der letzten Saison Historisches geschafft, erstmalig ist eine Bremer Mannschaft in der Bundesliga geblieben. Nachdem wir das erreicht haben, wollen wir weiter langsam wachsen und jetzt eben versuchen, ein zweites Mal in der ersten Liga zu bleiben. Das ist das oberste Ziel. Trotzdem werden wir alles daransetzen, Achter zu werden, um den Klassenerhalt vorzeitig sicher zu haben. Sollten wir das aber nur über die Play-downs erreichen können, werden wir auch diese Challenge annehmen.
An der Tabellensituation sieht man bereits im Vergleich zur letzten Saison, dass wir bereits jetzt langsam gewachsen sind, denn letztes Jahr hatten wir nichts mit den Play-off-Plätzen zu tun. Da sind wir Zehnter geworden, jetzt sind wir Neunter, und der Zehnte ist weit weg, so dass wir immer noch eher nach oben schielen. Das zeigt, dass eine Entwicklung da ist. Jetzt müssen wir die Wochen nutzen, um uns zu finden.
Man merkt in der ganzen Hockeyliga, dass die ersten neun Mannschaften sich untereinander Punkte nehmen können. Wir haben in der Hinrunde sogar auswärts bei Alster gewonnen, die sonst alles gewonnen haben bis auf ihr Spiel gegen Mannheim. Meiner Meinung nach ist die Liga ein wenig näher zusammengerückt im Vergleich zu den Vorjahren.

 

Sie sagen oft, dass Sie kein Fan von Tabellen sind, da die immer lügen würden. Sind Sie auch nach dem Wochenende noch an den Play-off-Plätzen dran?

Genau. Vor allem geht es bei uns um das Spielerische. Wir wollen versuchen, Spiele zu gewinnen, denn wenn man Spiele gewinnt, macht man automatisch quasi sechs Punkte gut gegenüber den anderen, egal gegen wen man spielt. Es ist so ein enges Rennen zwischen den Plätzen 7 und 9, da wird noch so viel passieren. Wir schauen erst einmal nur auf uns und müssen zusehen, dass wir Spiele gewinnen, und dann wird man am Ende sehen, wofür es reicht, ob es der siebte, achte oder der neunte Platz ist. Die Hauptsache ist, dass wir bei uns bleiben, uns entwickeln und ein unangenehmer Gegner sind. Man merkt schon in der Hockeyliga, dass uns dieser Respekt entgegengebracht wird. Keiner spielt gerne gegen uns, was auch unser Anspruch ist. Wir merken, dass wir ernster genommen werden als in der letzten Saison. Diese Unterschiede zeigen die Entwicklung. Wir haben auch einen besseren Kader als in der letzten Saison und haben im Winter den nächsten Step gemacht und uns die U21-Torhüterin Franziska Hagen aus Berlin gesichert. Sie ist unfassbar talentiert. Ich verfolge ihre Karriere schon sehr lange und bin von ihr so überzeugt, dass ich glaube, dass sie sogar ganz bald den Sprung in den A-Kader schaffen kann. Als Jugendspielerin durfte sie tatsächlich nur in der Winterpause wechseln, aufgrund einer Regelung, die meiner Meinung nach dringend überarbeitet werden müsste, denn nach einem Abstieg im letzten Jahr war kein Wechsel möglich gewesen. Das sollte Spielerinnen aber meiner Meinung nach ermöglicht werden, damit sie höherklassig spielen können. Franzi wollte für ihre Entwicklung nun Bundesliga spielen, und wir sind sehr glücklich, dass wir mit ihr den nächsten Schritt gehen können.

 

Olympiasieger (2008) Florian Keller ist in Bremen im vierten Jahr als Cheftrainer für die Bundesligadamen zuständig Foto: Club

 

Sind auch eigene Jugendspielerinnen bei Ihnen in den BL-Kader dazugekommen?
Aus der eigenen Jugend ist in dieser Saison nur eine Spielerin dazugekommen, Carlotta Golde. Eine zweite Jugendspielerin, Clara Mügge, ist vom Stadtrivalen Club zur Vahr zu uns gewechselt. Um Bundesligahockey in Bremen zu ermöglichen, benötigen wir momentan noch internationale Unterstützung. Aber wir wollen, dass die Jugendspielerinnen, die wir in der Stadt selber ausbilden, nicht wechseln müssen, um Bundesliga zu spielen. Unser Weg wird auch genau in diese Richtung weitergehen. Wenn man unser Team ansieht, haben an diesem Wochenende zehn Spielerinnen gespielt, die in der Halle noch in der Jugend gespielt haben. Das ist schon toll. Deswegen möchte ich auch die Erwartungen wegen der Play-offs gar nicht so schüren. Die Spielerinnen in der Bundesliga zu entwickeln, macht unglaublich viel Spaß.

 

Wie schwer ist dann der Hallen-Abstieg zu verkraften, und hat das auch Auswirkungen auf die Feldrückrunde?

Überhaupt nicht. Das trennen wir schon und können das auch sehr gut einschätzen. Natürlich wollten wir in der Liga bleiben und waren auch enttäuscht, dass wir abgestiegen sind, das gehört dazu. Aber es war uns auch bewusst, dass es eine ganz, ganz schwere Hallensaison wird, da wir ganz bewusst mit unseren Jugendspielerinnen gespielt haben. Lena Frerichs hat ein paar Spiele mitgemacht, ansonsten war es eine fast komplette Jugendmannschaft. Wir hätten auch aufrüsten können, um die Liga sicher zu halten, aber wir wollten bewusst unsere Jugend da reinwerfen, damit sie ihre Erfahrungen in der ersten Liga machen und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Das Risiko des Abstiegs war uns bewusst. Aber die Erfahrung, die die Mädels gemacht haben, nimmt ihnen keiner. Viele Mädels sind trotz des Abstieges mit viel mehr Selbstvertrauen aus der Saison rausgegangen als sie reingegangen sind, weil sie Tore geschossen haben und gegen große Vereine gegengehalten haben. In der Nordliga spielt man eben gegen Alster, HTHC, UHC und Flottbek. Gegen diese Teams zu spielen und die Spiele oft eng gestaltet zu haben, war eine tolle Erfahrung. Und die Entwicklung zu sehen, war auch schön. Diese Hallensaison hat also trotz des Abstieges sehr viele positive Aspekte gehabt. Aber nichtsdestotrotz wollen wir im nächsten Jahr auch mit den Jugendlichen, die dann ein Jahr älter sind, wieder aufsteigen.
Wir trennen aber Halle und Feld schon sehr genau, weil es nicht vergleichbar ist. Da spielen wir ohne die Internationalen und unseren Nationalspielerinnen. Unsere U18 Nationalspielerin Emma Dieszbrock ist noch zusätzlich die ganze Hallensaison verletzt ausgefallen. Wir haben genug Potenzial, um nächstes Jahr wieder aufzusteigen, aber das gehen wir an, wenn es soweit ist. Jetzt widmen wir die volle Energie der Feldsaison.

 

Haben Sie denn dort aktuell den vollen Kader zur Verfügung?

Unsere polnische Nationalspielerin Karolina Diurczak fällt noch aus und wird erst nach Ostern wieder einsteigen, aber ansonsten waren wir nahezu komplett. Wir müssen uns jetzt einfach wieder finden und ein Gefühl füreinander kriegen. Ich bin guter Dinge. Wir können diese Woche erstmalig wieder normal trainieren und müssen die Einheiten nachholen, die alle anderen Vereine schon hatten. Wir spielen jetzt vor der kurzen Osterpause noch einmal in Düsseldorf, wo wir großer Außenseiter sind, was uns vielleicht in der jetzigen Phase auch gut tut, um uns einzuspielen. Trotzdem wollen wir ein unangenehmer Gegner sein, der erstmal geschlagen werden muss.

 

Vielen Dank für das Gespräch!