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Andreas Grabowski: „85 Prozent im deutschen Hockey werden über den Breitensport durchgeführt“

Als Spieler der M60-Herren gehörte Andreas Grabowski zu einem der sechs deutschen Teams, die vor wenigen Wochen beim Masters Indoor World Cup in Nottingham einen Weltmeisterpokal mitnehmen durften. Seit knapp 20 Jahren ist der heute 64-Jährige in der Mastersszene aktiv dabei und weiß damit bestens Bescheid, was in diesem Bereich gut läuft und wo es klemmt. Dieses Wissen und seine Bereitschaft, sich in Gremien und Verbänden für Senior:innen-Hockey einzusetzen, haben Grabowski über das Amt des DHB-Beauftragten nun sogar zum DHB-Vizepräsidenten Sportentwicklung werden lassen. DHZ-Redakteur Uli Meyer sprach mit dem selbstständigen Business- und Mentalcoach über den jüngsten sportlichen Erfolg und sein neues Ehrenamt.

 

Herr Grabowski, eine beeindruckende Zahl von 14 Mannschaften schickte Hockey-Deutschland zu den Masters-Hallen-Weltmeisterschaften 2026 nach Nottingham. Hat die Aussicht auf einen vermeintlich leicht zu erringenden WM-Titel so viele Leute motiviert, auf die Insel zu reisen?

ANDREAS GRABOWSKI: Ja, der Eindruck könnte entstehen, zudem einige Ergebnisse aus der Gruppenphase diesen unterstreichen würden. Aber dem ist nicht mehr so! Im Hallenhockey und gerade im Bereich der "älteren" Generationen profitieren wir von unseren langjährigen Erfahrungen als Spielerinnen und Spieler davon. In den Altersstufen ab 35 und bis 50 beobachten wir seit der letzten Indoor-WM 2024 eine Verbesserung der spielerischen Qualität vor allen Dingen unserer europäischen Nachbarn von der britischen Insel, den Niederländern, aber auch Franzosen, Italienern, Schweizern und den Nordamerikanern.

 

Worin liegt für Sie der Reiz, sich in einer Masters-Auswahl an internationalen Wettbewerben zu beteiligen? Spielt der Aspekt, „für Deutschland“ zu spielen, eine große Rolle? Vielleicht auch, weil man in seiner aktiven Zeit mehr oder weniger weit entfernt war, ein Nationalspieler werden zu können? 

Ja, das ist immer noch bei vielen der Fall, aber auch die sportliche Herausforderung im direkten Vergleich "reizt" die Aktiven dazu, sich regelmäßig in den Vereinen, Landesverbänden und Lehrgängen zu "quälen", um beim Finalturnier dabei sein zu dürfen. Wobei auch hier durch die Erweiterung um die "jungen" Altersstufen W35/40 und M35/40 die Qualität deutlich gestiegen ist. Waren es doch in den anfänglichen Jahren vermehrt Aktive, die nicht regelmäßig in den Bundes- und Regionalligen für Ihre Vereine gespielt haben, sind in den letzten Jahren deutlich mehr ehemalige Aktive aus diesen Ligen (auch bei den älteren Teams) dazugekommen. Die Turniere der letzten Jahre haben gezeigt, dass international die Masters-Bewegung in anderen Nationen anders wahrgenommen wird und hier immer wieder ehemalige Olympioniken, Welt- und Europameister mitspielen. Von daher stehen Überlegungen an, wie wir unsere "Ehemaligen" dafür begeistern können, nach Ihrer aktiven Zeit für das Team D im Masters-Team mit "aufzulaufen", wie es Lydia Haase-Bechthold (W40), Inga Matthes (W45), Franziska Löwe, Marion Rodewald und Denise Rutschmann (alle W50) bei den Damen bereits tun!

 

Schon zwei Wochen nach der Hallen-WM in Nottingham trafen sich viele Masters-Aktive schon wieder zum Frühjahrstreff von German Masterts Hockey in Hamburg, um für die Feldsaison zu trainieren und diese auch organisatorisch vorzubereiten. Mit dabei war (natürlich) auch Andreas Grabowski, ganz links.  Foto: E.Tippelt

 

Sie sind schon einige Jahre in der Mastershockeyszene aktiv dabei gewesen, ehe Sie 2023 die Nachfolge von Thomas Rochlitz als DHB-Beauftragter für Senior*innenhockey angetreten haben und schließlich vor vier Monaten als Vizepräsident Sportentwicklung ins DHB-Präsidium berufen wurden. Wie sehr hilft es bei der Ausübung dieser Ämter, wenn man selber noch sportlich vollaktiv mitmischt?

Aus meiner Sicht hilft das sehr, da der Bereich Senior:Innen-Hockey einen wesentlichen Anteil im Bereich der Sportentwicklung ausmacht. Durch meine Aktivitäten besteht ein Netzwerk aus "Gleichgesinnten", und dadurch erhalte ich einen guten Einblick in die einzelnen Aktivitäten der Landesverbände und/oder Vereine. Daraus können Ideen und Ansätze entstehen, die wir vom DHB gerne als Ansätze an die anderen Landesverbände und Vereine weitergeben. 

 

Auch wenn das Aufgabenfeld Sportentwicklung thematisch sehr breitgefächert ist: Bleibt das Senior*innen- oder Mastershockey für Sie weiterhin das Kernmetier? 

Ja, es bleibt eines der Kernthemen. Aber wie angesprochen enthält der Bereich Sportentwicklung weitere wichtige Bereiche, die gilt es ebenfalls zu unterstützen, forcieren und gestalten. Anfang März habe ich mich mit den Verantwortlichen der einzelnen Bereiche zusammengesetzt, um einen Überblick zu erhalten, was in den Bereichen derzeit aktiv geplant und vor allen Dingen vor der Umsetzung steht. Ich kann nur sagen: sehr viel, das Elternhockey Festival 2026 im Hockeypark und die Hochschulmeisterschaften 2026 in Köln sind nur ein paar Beispiele.

 

Welche Themen außerhalb des Mastersbereichs liegen Ihnen denn besonders am Herzen? Oder anders gefragt: Wo wollen und können Sie im Bereich Sportentwicklung Impulse geben, die dann von den Hauptamtlichen oder anderen Fachausschüssen oder in den Landesverbänden angepackt werden könnten?

Es sind mehr die Themen, die neben dem aktiven Sport auf dem Hockeyplatz kurz- und mittelfristig betrachtet werden müssen, wie Inklusion, Integration, Nachhaltigkeit und Vielfältigkeit sowie alternative Spielsysteme. Hier sind wir dabei, Ansätze und Regularien zu erarbeiten, die dann den Landesverbänden und Vereinen zur Verfügung gestellt werden können. Ein weiterer Gesichtspunkt von mir in der neuen Funktion ist, die Zusammenarbeit mit den Landesverantwortlichen und den Vereinen regelmäßiger zu gestalten, um gegebenenfalls schneller bei wichtigen Themen Lösungen gemeinsam zu erarbeiten und zu erstellen.

 

Was hat Sie motiviert, die zuletzt im DHB-Präsidium unbesetzte Position eines Vizepräsidenten Sportentwicklung anzutreten?

Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit als DHB-Senior:Innen-Beauftragter in den letzten drei Jahren habe ich einen "Einblick" erhalten, und dieser hat mich in meiner Entscheidung bestärkt, für das vakante Amt zu kandidieren. Der Bereich Sportentwicklung beinhaltet einen großen und bedeutenden Anteil am deutschen Hockeysport. Denn machen wir uns nichts vor: Auch wenn wir mit unseren Nationalteams international oben mitspielen, werden um die 85 Prozent im deutschen Hockey über den Breitensport durchgeführt! Die "Talente" bilden sich in den Vereinen, die Basis wird über "Ehrenamtliche" in den Vereinen geleistet, damit diese Talente die Chance erhalten, durch ihren Landesverband auch bundesweit gesehen zu werden. Das gilt es weiter zu stärken, um Hockey weiterhin national und international auf dem Niveau zu halten oder dieses gar noch zu verbessern. Dass das nicht über den DHB alleine geht, ist klar. Aber wir können für Strukturen, Regularien und Möglichkeiten sorgen, die für die einzelnen im Landesverband und Verein hilfreich sein können.

 

Woher nehmen Sie sich die Zeit, zusätzlich zu Ihren bisherigem Hockey-Engagement jetzt auch noch Präsidiumsarbeit zu betreiben?

Da sich bei mir zum Ende vorigen Jahres beruflich einiges geändert hat, besteht mehr Zeit, um diese ehrenamtliche Aufgabe zu begleiten.

 

Kommen wir nochmal zurück zum Mastersbereich. Was läuft hier Ihrer Meinung nach gut? Und wo herrscht Verbesserungsbedarf? 

Gut läuft, dass wir in allen Altersklassen nun mit Teams (teilweise auch zwei Teams) an den internationalen Turnieren teilnehmen können. Die Resonanz unter den Aktiven ist gestiegen, und die Rekrutierung läuft innerhalb der Teams. Gerade erst am vergangenen Wochenende sind gut 250 der insgesamt ungefähr 375 aktiven Spielerinnen und Spieler in Hamburg zum jährlichen Frühjahrstreffen zusammengekommen und haben sich sportlich und organisatorisch auf das WM-Jahr 2026 vorbereitet. Besten Dank dem Hamburger Verband und den Vereinen Polo und Bahrenfeld, dass wir deren Anlagen nutzen durften.

Verbesserungen gibt es immer, und wie zuvor erwähnt würden wir uns freuen, wenn Ehemalige sich wieder für ihre Sportart begeistern und die Teams mit ihren Erfahrungen und "Können" unterstützen. Die sportliche Qualität ist deutlich besser geworden, gegenüber den von mir angesprochenen anfänglichen Jahren!   

Andreas Grabowski mit dem WM-Pokal. Der Reiz, mit Gleichgesinnten auch im fortgeschrittenen Alter noch ordentlich Hockey spielen zu und sich nationale wie international zu messen, treibt den 64-Jährigen,wie es auch bei einer größer werdenden Zahl an Masters-Spielerinnnen und -Spielern der Fall ist. Foto: privat

 

Es gab von Ihrem Vorgänger Thomas Rochlitz (zusammen mit Henning von Wolff) mal die Idee von Deutschen Meisterschaften. Hat sich das Thema erledigt? Oder decken das Veranstaltungen wie Silberschild, Regio-Cup und Oldie-Cup inzwischen komplett ab?

Danke für die Nachfrage, und das Thema ist noch nicht "vom Tisch". Wir wollen schauen, dass wir für die "jüngeren" Altersklassen und vor allen Dingen für die Damen ähnliche oder gleiche Formate wie Silberschild, Regio- und Oldie-Cup anbieten können. Es gibt die "DM der Dritten", die seit vielen Jahren auch ein "Talentpool" für die jüngeren Jahrgänge ist, wird aber von den einzelnen Vereinen selbstständig organisiert. Eine Deutsche Meisterschaft für die Altersklassen 35/40 und 45/50 sowohl Halle als auch Feld zu organisieren, stellt bei dem Spielplan der einzelnen Ligen (von Bundes- bis Verbandsliga) eine Herausforderung dar, die wir bis heute noch nicht im Detail angegangen sind. Es wird aber weiterverfolgt!

 

Man hört immer wieder, dass große Hockeynationen wie England, Niederlande oder Australien im Mastersbereich ganze andere und gefestigte Strukturen haben, bis hin zu finanzieller Unterstützung durch die jeweiligen nationalen Verbände. Wie weit ist Deutschland im Vergleich tatsächlich hinterher? 

Ja, das ist richtig. Gerade jetzt beim Indoor World Cup haben wir gesehen, wie speziell England als Ausrichter einige junge Teams zusammengesetzt hat, um in die Finals zu gelangen und dort (sicherlich auch mit Unterstützung der einen oder anderen Schiedsrichter-Entscheidung) den Pokal zu gewinnen. Ich habe in Nottingham im Männerfinale M40 ein mit ehemaligen Nationalspielern bestücktes englische Team gesehen, das unserem guten M40er-Team Paroli geboten hat. Aus Gesprächen mit Verantwortlichen der einzelnen Länder konnte ich heraushören, dass auch finanziell einige nationale Verbände die Masters-Bewegung in ihrer Finanzplanung berücksichtigen. Unsere Herausforderung besteht darin, dass wir in Deutschland durch die großen Entfernungen wenig bis keine regelmäßigen Lehrgänge für die Aktiven über das ganze Jahr anbieten können, sondern dies sich auf die Monate vor den Turnieren konzentriert. Da alle noch im regelmäßigen Vereinstraining sind, ist das regelbar, was auch die Hallen-WM gezeigt hat. Im Feld wird international die Luft für uns schon dünner. Ich habe einige Überlegungen mitgenommen und werde diese sicherlich bei nächster Gelegenheit mit den Verantwortlichen beim/im DHB ansprechen. Wir werden sehen, was davon kurz- und mittelfristig umsetzbar sein wird!

 

Vielen Dank für das Gespräch!