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Franziska Hagen: „Gerade auch auf meiner Position ist der Kopf mit das Wichtigste“

Ihr aktueller Clubtrainer Florian Keller hält mit seiner Meinung nicht zurück, wenn es um Franziska Hagen geht. „Für mich ist sie die beste Torhüterin in Deutschland“, sagte Keller erst kürzlich wieder im dyn-Interview, als die Keeperin ihrem Bremer HC mit einer wieder einmal tollen Leistung maßgeblich zu zwei überraschenden Punkten gegen den Bundesliga-Tabellenführer Mannheimer HC verhalf. Die Enttäuschung im Bremer Lager und auch bei Franziska Hagen war am Tag danach umso größer, als mit der 1:3-Niederlage gegen den Münchner SC die BHC-Chancen auf eine Play-off-Teilnahme plötzlich auf ein Minimum gesunken waren. DHZ-Mitarbeiterin Claudia Klatt hat am Tag nach dem MSC-Spiel mit Franziska Hagen darüber gesprochen. Die 18-Jährige, die bei den Zehlendorfer Wespen in Berlin groß wurde und derzeit das Abitur vor sich hat, wechselte im Frühjahr zum Bremer HC. Das Sprungbrett erste Liga soll helfen, ihrem Traum von einer Olympiateilnahme 2028 näher zu kommen.

Frau Hagen, wir sprechen direkt nach einer Abiturprüfung, die heute in Berlin stattgefunden hat?

Franziska Hagen: Ja, genau. Jetzt fahre ich aber schon wieder nach Bremen, wo ich jetzt wohne. Ich mache quasi meine Schule in Berlin noch fertig, aber ich spiele seit der Rückrunde in Bremen. Ich bereite mich dort auch auf die Prüfungen vor und muss dafür nicht mehr in die Schule. Daher hat das mit dem Wechsel für mich sehr gut gepasst. Es war heute tatsächlich nur eine Fitness-Prüfung bei mir, keine Klausur. Ich glaube, es war ganz gut. 

Wie ist diese Idee bei Ihnen gereift, in Bremen zu spielen? 

Nach dem Abstieg mit den Wespen im Sommer 2025 wollte ich relativ schnell wieder in die 1. Bundesliga. Allerdings war ich – durch die Schule - aber noch ein Jahr an Berlin gebunden und habe gedacht, dass ich die Saison noch fertig spiele. Ich wusste zunächst gar nicht, dass ich zur Rückrunde wechseln kann. Ich hatte nach der Juniorinnen-WM Kontakt mit Florian Keller, und dadurch ist das entstanden.

 

Wie ist es für Sie in der ersten Liga in Bremen?

Mir gefällt es sehr gut. Die Erste Liga ist natürlich sehr, sehr cool. Es macht Spaß. Ich wurde sehr gut aufgenommen – im Team und im Club. Deswegen bin ich sehr zufrieden.

 

Ist es also eine Perspektive für Sie, dort weiterzuspielen? Oder ist das daran gebunden, ob Bremen in der höchsten Liga bleibt oder nicht?

Ja, das sowieso. Ich will auf jeden Fall erste Liga spielen, das ist klar. Aber ich bin mir schon sehr sicher, dass wir mit dem Kader, den wir haben, auch in der 1. Bundesliga bleiben. Ich gucke dann im Sommer sowieso noch mal neu. Man weiß ja auch immer nicht, was passiert und wohin es im Leben dann geht, aber ich fühle mich in Bremen aktuell sehr wohl. 

Ihr letztes Wochenende war geprägt von gegensätzlichen Emotionen?

Ziemlich. Unser Ziel war auf jeden Fall, am Samstag zwei Punkte gegen Mannheim zu holen. Wir haben alles drangesetzt und äußerst defensiv gespielt. Wir haben dann auch Lucina van der Heyde eigentlich komplett aus ihrem Spiel rausgenommen und sie 60 Minuten lang manngedeckt. Ich glaube, am Ende hatte sie auch wirklich gar keine Lust mehr. Schließlich 1:1 zu spielen, war schon ein bisschen glücklich, Mannheim war schon besser. Aber wir haben in der zweiten Halbzeit gut verteidigt und es irgendwie gut hinbekommen. Im Shoot-out hatten wir dann auch ein bisschen Glück und haben es gewonnen. Es war schon relativ überraschend. Wir hatten uns da schon etwas vorgenommen, aber es war natürlich trotzdem überraschend, gegen den Tabellenführer Punkte zu holen.

Am Sonntag wollten wir dann gegen den MSC natürlich drei Punkte holen. Da haben wir vorne die Tore nicht gemacht und kriegen hinten eine etwas fiese Ecke, sage ich mal. Die kann man auf der einen Seite geben, auf der anderen Seite nicht. Am Ende können wir uns aber eigentlich nur selbst vorwerfen, dass wir nicht früher die Führung gemacht haben, und dann hat München einfach gestern Glück gehabt. 

 

Franziska Hagen (Zweite von links) bei der U21-Weltmeisterschaft im Dezember 2025 in Santiago/Chile. Die WM-Teilnahme (Platz 5) war neben der U18-Europameisterschaft im Juli 2025 (Platz 4) das bislang größte Event für die Torhüterin, die seit April 2023 insgesamt 43 Jugend-Länderspiele bestritten hat. Mit ihrem großen Ziel Olympia 2028 hält sie nicht hinter dem Berg. Foto: Worldsportpics

 

Wie gehen Sie als Torhüterin in so ein Spiel? Oder auch in ein Shoot-out? Da muss man vom Kopf her sehr präsent sein und sich sagen: Ich halte die jetzt. Oder gucken Sie sich die Spielerinnen aus? Wie machen Sie es?

Generell vor den Spielen versuche ich immer, mir Handlungsziele zu setzen und mir zu sagen, worauf ich achten will. Zum Beispiel am Samstag gegen Mannheim: Die hatten mit Stine Kurz ja eine unfassbar gute Eckenschützin. Dann habe ich mir vorgestellt, wo sie normalerweise die Ecken hinschießt. Also habe ich geguckt und versucht, das im Kopf durchzugehen. Daran hangele ich mich in den Spielen entlang.

Vor dem Shoot-out war es so, dass wir wussten, dass Mannheim bisher nur ein Shoot-out hatte, und das war bereits in der Hinrunde. Man wusste also nicht so richtig, was sie machen. Von daher gehe ich da einfach rein, nehme mir aber trotzdem etwas vor, worauf ich achten will: dass ich die Schützinnen ein bisschen verunsichere, auf meine Fußarbeit achte oder mal etwas aktiver bin. Das ist immer unterschiedlich. Wenn man sie nicht kennt, gucke ich relativ spontan, was die Stürmerinnen machen.

 

Was ist für eine Torhüterin beim Shoot-out wichtig? Möglichst nicht früh runterzugehen oder schnell wieder hochzukommen?

Ich glaube, lange oben bleiben ist wichtig, und wenn man runtergeht, den Ball zu spielen. Es ist in der Situation aber schwierig. Man sagt sich das selbst, aber in der Situation geht alles so schnell. Die Stürmerinnen können einen auch sehr gut manipulieren, und ich würde daher sagen: lange oben bleiben, versuchen, alles zuzumachen, was geht, die Winkel verkürzen und sich nicht so ins Tor drängen lassen. Viele Schützinnen gehen dann ja auch in diese Schnecke, sodass sie mit dem Rücken zum Tor stehen und einen nach hinten drücken. Da muss man aufpassen, dass man vorne bleibt und die Körperspannung behält. Auf jeden Fall lange oben bleiben – und Zeit von der Uhr nehmen!

 

Sie sind als 18-Jährige auch bereits in der U21-Nationalmannschaft eingesetzt werden. Überrascht, dass es so schnell ging?

Ja, ich habe eigentlich alle Jugendnationalmannschaften durchlaufen. Seit der U16 bin ich dabei. Letztes Jahr haben wir im Sommer die U18-Europameisterschaft gespielt. Danach war ich eine Woche später schon beim U21-Lehrgang. Es ging alles relativ schnell. Manchmal bin ich selbst überrascht, dass ich jetzt auf einmal schon U21 spiele. Ich hatte danach zwei U21-Lehrgänge und wurde dann in den WM -Kader nominiert und war im Winter bei der Weltmeisterschaft in Chile. Ich glaube, mein jüngeres Ich hätte nie gedacht, dass ich da jetzt spiele. Irgendwie geht es dann auf einmal alles so schnell.

Haben Sie noch Zeit, mal innezuhalten? Es klingt ja so, als würden sie sowohl zurück als auch nach vorne schauen. Sind Sie sehr fokussiert und haben Sie sich ein größeres Ziel gesetzt?

Mein größtes Ziel ist es, Olympia in Los Angeles 2028 zu spielen. Es ist sehr, sehr hart, das ist mir bewusst. Aber ich habe es mir trotzdem vorgenommen. Seit 2022 ungefähr sage ich mir, dass ich LA 2028 angreifen will. Dann hat man tatsächlich manchmal so Momente, in denen man denkt: Krass, jetzt spiele ich U21. Gerade wenn man dann im WM-Viertelfinale auf dem Platz steht – leider am Ende nur im Viertelfinale und nicht weiter –, aber trotzdem: Man steht da, singt die Hymne und denkt: Krass. Vor zwei, drei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich da stehe. Es gibt nie so richtig das Gefühl: Ich habe es geschafft. Aber der Gedanke ist schon: "Cool, dass ich so ein Spiel gerade spiele"

Als Hockeyspielerin gibt es natürlich auch vor allem dieses eine Ziel: Olympia. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie es vielleicht schaffen können, also dass es etwas werden könnte, weil Sie gut genug sein könnten?

Das ist schwierig zu sagen. Es gibt nie diesen einen Moment, wo man sagt: Jetzt denke ich, es kann etwas werden. Es ist immer ein Auf und Ab, mit vielen Höhen und Tiefen. An einem Tag denkt man: Ich habe echt gut trainiert oder gespielt. Am nächsten Tag ist wieder etwas anderes. Ich glaube, so richtig gemerkt, dass es Richtung Nationalmannschaft oder mehr gehen könnte, habe ich vor allem, wenn Trainerinnen oder Trainer mir das gesagt haben. Zum Beispiel Felix Fischer, der war damals bei uns Wespen-Damentrainer und ist jetzt Co-Trainer beim A-Kader. Er hat mich schon früh in der Nationalmannschaft gesehen, obwohl ich anfangs noch aussortiert wurde. Genauso mit meinem jetzigen Trainer Florian Keller, der mich unterstützt und mich weit vorne in der Nationalmannschaft sieht. Wenn Trainer so etwas sagen, ist das schon so ein Aha-Moment: Vielleicht sehen die etwas in einem, was man selber nicht immer unbedingt sieht. Selber kann man das oft eigentlich gar nicht so gut einschätzen.

 

Ein Nationalspieler hat mir einmal gesagt, dass es natürlich eine Menge Talent braucht, aber auch sehr, sehr viel harte Arbeit. Sie sind nach Bremen gewechselt, um in der ersten Liga spielen zu können. Gehört das alles dazu?

Ja. Diese ganzen Einheiten, die man machen muss oder machen soll – die machen teilweise Spaß, aber manchmal auch gar nicht. Einfach auch, es in den Alltag zu integrieren, ist schwierig. Man kann eben nicht das ganze Jahr machen, was man will, jeden Tag nach Mitternacht ins Bett gehen und ein paar Stunden später wieder aufstehen. Das geht nicht. Man muss auf Regeneration, Ernährung und seine Trainingseinheiten achten. Man ist das ganze Jahr Nationalspielerin und nicht nur die vier, fünf Tage beim Lehrgang. 

Gerade auch auf meiner Position ist der Kopf mit das Wichtigste. Der muss mitspielen. Ich hatte schon Spiele, in denen ich mental nicht da war – und dann habe ich auch nicht gut gespielt. Gerade auf dieser Position ist mentales Training mit das Wichtigste.

 

Das trainieren Sie auch gezielt?

Ja. Ich habe einen Sportpsychologen, zu dem ich regelmäßig hingehe. Durchs Aufschreiben zum Beispiel bekommt man auch es besser hin, seine Emotionen in den Spielen, davor oder danach unter Kontrolle zu bekommen. Auch Atemübungen spielen eine Rolle, es ist sehr komplex. Letztendlich guckt man, was zu einem passt und für einen selbst gut ist. Dann muss man seine eigene Routine entwickeln, um bereit zu sein für die Spiele.

 

Das letzte Ligaspiel wird am 10. Mai gegen Großflottbek sein, und Sie haben mit den Bremer Damen noch eine minimale Chance auf die Play-offs. Wie sehen Sie die Situation?

Die Play-offs noch zu erreichen wird schon sehr, sehr schwer. Wir waren so nah dran, aber mit der Niederlage gegen München haben wir es uns selbst verbaut. Auch dort kommt wieder das Mentale ins Spiel: Dieser Kampf in den Play-downs jetzt, dieser ganze Kampf. Es ist wirklich schwer, jedes Wochenende wieder da zu sein, jedes Wochenende auf dem Platz zu stehen und jeden Tag dafür zu arbeiten, dass man am Wochenende eine gute Leistung bringt.

 

Wie gehen Sie jetzt in dieses Spiel?

Es ist schwierig. Ich habe mit den anderen noch nicht richtig darüber gesprochen. Am Ende kann immer alles passieren, es ist Sport. Wir müssten viele Tore schießen, und gegen Flottbek ist das schon schwer. Es geht für die genauso um alles, wir spielen auf deren Anlage. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die fünf Tore zulassen. Aber man weiß nie, was passiert. Auf einmal haben wir vielleicht das Momentum und führen 3:0. Wir werden jedenfalls alles versuchen, was geht, um wenigstens noch überhaupt dieses Spiel zu gewinnen. Dann geht man mit einem guten Gefühl in die Play-downs. Und wenn mehr geht, dann geht mehr. Wir werden trotzdem alles tun, um ein sehr, sehr gutes Spiel abzuliefern.

Franziska Hagen im Trikot des Bremer HC. Nach dem Feldabstieg der zehlendorfer Wespen us der 1. Bundesliga im Sommer 2025 wollte das 18-jährige Torwart-Toptalent möglichst bald zurück ins Oberhaus. Weil sie im Spieljahr 2025/26 offiziell noch dem Jugendbereich angehörte, war es ihr erlaubt, sich zur Fortsetzung der Feldsaison im Frühjahr 2026 einem anderen Erstrligist anzuschließen. Foto: BHC

 

Sollten Sie trotzdem nach dem letzten Spiel in den Play-downs landen, wie würden Sie die angehen?

Ich glaube, wir können sehr selbstbewusst in diese Spiele gehen, weil wir wissen, wie viel Qualität wir haben. Trotzdem wissen wir genauso, dass das andere Team auch Qualität hat. In diesen Spielen geht es um alles – nicht nur für uns, sondern auch für das andere Team. Wir nehmen eher eine Favoritenrolle ein, weil wir in der Tabelle weiter oben stehen. Aber am Ende ist es egal, wie viele Punkte wir davor gesammelt haben. Es geht um diese zwei, drei Spiele. Natürlich würden wir es am liebsten in zwei Spielen machen und direkt in zwei Spielen gewinnen, um uns zu zeigen, dass wir das können und unser Niveau abrufen. Es wird mit Sicherheit unfassbar hart. Aber wir wissen, dass wir alles können, um in der Liga zu bleiben. 

 

Vielen Dank für das Gespräch!