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Pia Maertens: Aufzuhören war „nie eine Option“

Ihr persönliches Seuchenjahr 2023 mit gleich zwei Kreuzbandrissen (am 22. Januar in einem Hallen-BL-Spiel sowie im November beim Comeback in der Nationalmannschaft) hat Pia Maertens weit zurückgeworfen. Doch am 2. Mai war die lange Leidens- und Wartezeit nun endlich vorbei, stand die 27-Jährige im Bundesligaspiel ihres Kölner Rot-Weiss-Teams gegen Frankfurt erstmals wieder in einem Punktspiel auf dem Platz. Mit DHZ-Mitarbeiterin Claudia Klatt hat die Olympiateilnehmerin von Tokio 2021 über ihre Rückkehr, ihre Liebe zum Sport und die weiteren Pläne gesprochen.

 

Frau Maertens, wie schön war es für Sie, wieder ein komplettes Spiel zu spielen?

Pia Maertens: Extrem schön natürlich. Es ist ja schon irgendwie ein Tag oder ein Spiel gewesen, auf das ich jetzt im Endeffekt über drei Jahre hingearbeitet habe. Dementsprechend war ich natürlich sehr, sehr aufgeregt und emotional und irgendwie vielleicht auch ein bisschen gestresst vor Vorfreude. Im Endeffekt war es schon genau diese Situation, die ich mir in meinen Tagträumen immer wieder vorgestellt habe. Es war ein sehr aufregender Tag.

Ich bin sehr froh, dass dieser erste Step – das erste Spiel gemacht zu haben – so gut funktioniert hat und ich mich nicht wie beim letzten Mal wieder verletzt habe. Ich konnte mich natürlich nicht zu 100 Prozent davon freimachen, so dass ich auch ein bisschen Angst hatte, dass wieder etwas passiert. Nicht, weil ich meinem Körper nicht vertraue, sondern einfach, weil ich natürlich schlechte Erfahrungen damit gemacht habe.

 

Wie schwer war es, das im Spiel wegzuschieben? Ein Bundesligaspiel ist ja sehr intensiv.

Ja, genau. Ich hatte irgendwie ein gutes Aufwärmen, das hat sich alles gut angefühlt, sodass ich, sobald ich im Spiel war, eigentlich gar keine Angst hatte. Währenddessen habe ich auch in keiner Situation gedacht: „Boah, das war jetzt brenzlig" oder „Da hätte ich mich verletzen können." Auch im Training und in den Trainingsspielen, die ich mitgemacht habe, gab es das nicht. Es gab schon lange nicht mehr dieses Gefühl: „Uff, da hatte ich jetzt Glück." In meiner allerersten Ballaktion bin ich dann auch direkt über eine Gegenspielerin gefallen. Eigentlich war das ganz gut, weil ich direkt gemerkt habe, dass wieder viel geht und alles funktioniert. Ich war früher eine Spielerin, die viel am Boden lag, in Situationen gerutscht ist und so weiter. Deswegen war es ganz gut, direkt von Anfang an zu merken, dass es funktioniert, ich das machen kann. Was mich innerhalb des Spiels ein bisschen gestresst hat, war, dass wir nach dem ersten Viertel erst mal eine Stunde Regenpause hatten. Grundsätzlich ist das natürlich kein Problem. Aber wenn man einmal aktiviert ist und schon fünf Knie-OPs hinter sich hat, dann weiß man auch, dass ein zweites Aufwärmen an einem Tag nicht so leicht ist, denn wenn man einmal runtergefahren ist, ist das Aktivieren des Knies oder der Muskulatur schwieriger. Deswegen hatte ich eher ein bisschen Panik, dass ich mich danach nicht mehr gut bewegen kann, doch auch das ging zum Glück alles sehr gut. Ich hatte im Spiel keine Situation, in der ich hätte wechseln müssen und hatte dementsprechend viel Spaß.

 

Pia Maertens am 10. Mai in Hamburg. Ihr geplanter Auftritt im Bundesliga-Spiel beim Club an der Alster wurde nach dem Aufwärmen kurzfristig abgebrochen - eine "Vorsichtsmaßnahme", wie sie später selbst sagte. Foto: S. Müller

 

Wie viele Trainingseinheiten oder Spiele hatten Sie denn vor diesem ersten Punktspiel?

Ich habe kein volles Spiel gemacht. Eigentlich war geplant, dass ich am Anfang der Rückrundenvorbereitung ganz normal teilnehme. Ich war freigegeben, hatte dann aber noch Achillessehnenprobleme, die sich so ein bisschen schleichend entwickelt haben. Ich habe die ersten Einheiten gemacht, das hat auch funktioniert. Dann musste ich aber schon wieder drei, vier Wochen länger pausieren und konnte nichts richtig machen – läuferisch auch nicht. Dementsprechend war ich jetzt am Ende, glaube ich, drei Wochen wieder voll im Training, bevor ich gespielt habe. Tendenziell denkt man natürlich: Das ist gar nicht so lang. Andererseits hatte ich in der Hinrunde schon ein, zwei volle Trainingseinheiten gemacht und auch schon Zweikämpfe und so weiter. Es hat sich einfach über einen längeren Zeitraum gezogen, dass eigentlich alles okay war, bis man den nächsten Step gehen musste. Das Wochenende jetzt hat sich dann angeboten, das Spiel zu machen.

 

Sie wollten eigentlich schon viel früher zurückkommen, aber es war unmöglich wegen der Achillessehne? In der Halle wollten Sie sicher erst einmal nicht spielen?

Ja, genau. Der Plan war eigentlich, nach der Halle das erste Spiel zu machen. Es wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen, ich dachte, dass ich die Vorbereitung gut mitmachen kann, dann Trainingsspiele, und dann steigern, vielleicht erst mal ein Viertel spielen, eine Halbzeit und so weiter. Das hat sich dann natürlich wieder zerschlagen durch die Achillessehne. Zwischenzeitlich habe ich sogar gedacht, dass es nichts mehr wird, weil es sich dann doch nicht so gut angefühlt hat und man schnell in so eine Negativspirale gerät. Dementsprechend war ich jetzt natürlich sehr glücklich, dass mein Körper das so mitgemacht hat, nachdem da wieder die nächste Sache aufgebrochen ist.

 

Gab es bei Ihnen denn nach dem zweiten Kreuzbandriss irgendwann mal den Gedanken, mit Hockey ganz aufzuhören?

Nein, irgendwie nicht. Dadurch, dass das noch vor Paris war, hatte ich relativ zügig dieses Mindset, dass ich direkt wieder Vollgas gebe, weil ich Olympia spielen wollte. Das hat erst einmal ganz gut gepasst. Danach hatte ich natürlich noch ein, zwei andere OPs dazwischen. Trotzdem war irgendwie klar, dass ich es zumindest noch einmal versuchen möchte. Hockey ist mir einfach zu wichtig – vor allem natürlich auch die Mannschaft hier bei Rot-Weiss Köln. Ich hatte und habe immer noch sehr viel Spaß am Sport. Dadurch, dass ich zwischendurch immer mal wieder trainiert habe und obwohl ich dann wieder operiert werden musste oder andere Rückschläge hatte, habe ich trotzdem immer gemerkt, dass es mir unfassbar viel Spaß macht, sobald ich auf dem Hockeyplatz stehe und es eben das Bedürfnis gibt, es noch einmal zu versuchen. Deswegen war es bis zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nie eine Option aufzuhören, auch wenn ich mir zwischendurch manchmal gewünscht hätte, ich könnte einfach sagen: „Das war's jetzt. Es geht einfach nicht mehr." Das hätte mir natürlich viele Rückschläge und viele Trainingsjahre erspart. Aber zum Glück hat es mir solchen Spaß gemacht zu spielen. Ich hatte nämlich auch Angst, dass ich hingehe und merke, dass es gar nicht mehr das ist, was ich mir im Kopf ausgemalt habe. Aber zum Glück war es überhaupt nicht so.

 

Das heißt, man wird mit den Rückschlägen auch irgendwie dankbarer?

Ja, total. Ich glaube, viele unterschätzen ein bisschen, in was für einer privilegierten Situation sie eigentlich sind – aus meiner Perspektive zumindest -, dass sie einfach Sport machen können, loslaufen können und das machen können, worauf sie Lust haben. Vor allem, wenn man es selbst nicht machen kann und manchmal Genörgel hört, dann denke ich oft: „Seid froh, dass ihr es machen könnt." Ich bin extrem dankbar. Auch wenn ich sehr viel Pech hatte und extrem viel Mist erlebt habe, bin ich trotzdem sehr dankbar, dass ich jetzt wieder spielen kann. Ich bin auch dankbar für alle Menschen um mich herum, denn ich hatte ein unglaubliches Netz aus Menschen, die mich da durchgepusht haben: meine Familie, Rot-Weiss, meine Freundinnen. Alle haben dafür gesorgt, dass ich dabeibleiben konnte und immer wieder das Gefühl hatte, Teil des Teams zu sein. Nach drei Jahren immer noch mitten im Team zu sein, obwohl man nicht spielt, ist überhaupt nicht selbstverständlich. Dafür bin ich sehr dankbar – und natürlich dafür, dass es jetzt wieder klappt und ich Spaß habe.

 

Das Ligaspiel beim Club an der Alster musste Pia Maertens von der Bank aus miterleben. Ein erneutes Verletzungsrisiko wollte weder sie noch die Verantwortichen bei Rot-Weiss Köln eingehen. Auch ohne die Rückkehrerin gab es einen 1:0-Sieg der Kölner Damen. Foto: S.Müller

 

Nach dem Frankfurt-Spiel waren dann auch Ihre Mutter und Ihre Schwester da?

Ja, genau. Ich wusste vorher, dass sie eigentlich nicht kommen können, weil sie selbst spielen mussten. Es war wirklich besonders: Mein Vater war da, meine Stiefmutter war da, mein Freund war da und auch Freundinnen aus Duisburg. Aber zwei sehr wichtige Menschen haben natürlich gefehlt – Menschen, die alles mitbekommen haben, was passiert ist. Wir wussten vorher schon, dass sie eigentlich nicht zugucken können, und das hat sich total blöd angefühlt. Und diese Regenpause, die einerseits nervig war, hat am Ende dafür gesorgt, dass sie noch aus Düsseldorf kommen und die zweite Halbzeit gucken konnten. Auch dafür bin ich dankbar. Als ich sie gesehen habe, sind nochmal die Dämme gebrochen. Ich habe sie erst nach dem Spiel wahrgenommen, und beide waren extrem emotional, ich natürlich auch. Das hat auf jeden Fall noch mal ordentlich etwas ausgelöst.

 

Sie hatten noch zwei Operationen, die auf die eigentliche Kreuzband-OP gefolgt sind?

Ja, leider ist bei Kreuzband-OP einfach nicht alles so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Am Ende brauchte ich noch eine Knorpelzelltransplantation, was noch mal ungefähr ein Jahr gekostet hat. Dann hatte ich noch zwei kleinere OPs, um Narbengewebe und solche Sachen zu entfernen, weil natürlich im Knie viel passiert ist und das alles nicht so richtig geschmeidig war. Es war viel Pech.

 

Sie sind jetzt in so einer heißen Phase der Saison zurückgekommen. Was sind jetzt Ihre Ambitionen mit Köln?

Geplant ist, dass ich jetzt möglichst viele Spiele bestreite und Spielpraxis sammle. In der Saison haben wir gesehen, dass wir gegen die Topteams Punkte holen, aber auch gegen die unteren Teams Punkte liegen lassen. Wir können jedes Team zumindest so weit bringen, dass es ins Penaltyschießen geht. Ob es am Ende gelingt, hängt natürlich davon ab, dass bei uns vieles gut läuft. Wir ruhen uns auf keinen Fall auf dem erreichten Viertelfinale aus, sondern wir haben schon die Ambition, alles dafür zu tun, den nächsten Schritt Richtung Final-Four zu machen. Darauf habe ich extrem Lust und hoffe natürlich auch, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann.

 

Und längerfristig?

Ich glaube, dass viel Potenzial in der Mannschaft steckt. Wenn man sich die einzelnen Spielerinnen anschaut, haben wir ein sehr hohes Niveau. Allerdings denke ich, dass wir noch viele Schritte machen müssen – was Selbstverständlichkeit, Spielidee und gemeinsames Spiel angeht –, um wirklich konstant gegen alle Mannschaften Leistung zu bringen. Unser größtes Manko ist, dass uns diese Konstanz fehlt. Daran muss man sehr aktiv arbeiten, und jede Spielerin trägt Verantwortung für die Mannschaft. Ich kann mir schon vorstellen, dass aus dem Potenzial etwas werden kann. Aber das hängt stark davon ab, wie bereit die Mannschaft ist, sich weiterzuentwickeln und wie man eine konstante Rolle einzunehmen kann, auf die man sich verlassen kann. Alles, was dann individuell obendrauf kommt, ist natürlich nochmal ein Plus Aber da haben wir definitiv noch Luft nach oben.

 

Haben Sie auch Ambitionen, wieder in die Nationalmannschaft zurückzukehren? Oder ist das erst mal abgehakt?

Ich war jetzt bei ein, zwei Lehrgängen mit Janneke dabei und bin regelmäßig am Stützpunkttraining. Ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn ich noch mal eingeladen werde, weil ich natürlich keinen schönen Abschluss hatte. Wenn alles gut funktioniert und ich mich gut fühle, kann ich mir auf jeden Fall vorstellen, mittel- bis langfristig wieder einzusteigen und möglicherweise auch noch mal große Turniere zu spielen. Da bin ich aber entspannt. Wenn es klappt, freue ich mich total und würde mein Leben auch danach ausrichten können. Wenn nicht und ich „nur" bei Rot-Weiss weiterspiele, werde ich damit aber auch glücklich sein. Die Tür ist von meiner Seite auf jeden Fall nicht verschlossen. Was dann an Nominierungen folgt, wird man sehen. Tendenziell ist das auf jeden Fall noch der Plan.

 

Das funktioniert auch mit Ihrem Beruf?

Ich arbeite gerade als Schulbegleiterin beziehungsweise Inklusionshelferin für ein einzelnes Kind. Das kann man natürlich nicht immer alles super spontan planen. Wir haben zum Glück gute Möglichkeiten, das zu vertreten. Meine Arbeitgeber wissen auch, dass die Möglichkeit besteht, dass ich spontan weg wäre. Tendenziell ist ein Schulalltag natürlich nicht perfekt mit Hockey vereinbar. Deswegen habe ich mich zum Beispiel auch entschieden, im Mai nicht ins Referendariat zu gehen. Ich hatte zwar eine Stelle, habe sie aber nicht angenommen, um mir alles offen zu halten. Ich schaue jetzt erst mal, ob ich komplett zurückkehren kann. Wenn nicht, gehe ich ins Referendariat. Wenn doch, schiebe ich es weiter nach hinten. Da bin ich zum Glück noch flexibel genug und bereit, mein Leben noch einmal danach auszurichten.

 

Sind Sie also bereits wieder für die Pro League oder die WM im Rennen?

Es ist auf jeden Fall nicht komplett ausgeschlossen, dass ich nominiert werde, allerdings gibt es noch keine klare Absprache.

 

Sie haben es schon ein bisschen im Auge – vielleicht auch noch LA 2028?

Ja, genau. Wir haben auf jeden Fall im Sommer noch keinen Urlaub geplant. Ich bin dafür offen und freue mich natürlich, wenn es noch mal klappt – ob jetzt direkt oder nach der WM oder wie auch immer. Wenn mein Körper das zulässt, bin ich auf jeden Fall nicht abgeneigt zu sagen, dass Olympia 2028 noch eine Option ist. Das wird sich hoffentlich mit der Zeit klären, und danach kann ich vielleicht irgendwann auch mal Zukunftspläne machen, die länger als zwei Wochen in der Zukunft liegen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!