Mit viel Vorlauf an die große Glocke gehängt hat er seinen bevorstehenden Abschied nicht. Aber natürlich sickerte die Information zuletzt in der Hockeyszene durch, dass Niklas Wellen am Ende dieser Feldsaison den Hockeyschläger an den Nagel hängen wird. Der Mann, der als „bester Spieler“ der Weltmeisterschaft Deutschland im Januar 2023 maßgeblich zum WM-Titel führte, hatte sich nicht nur nach dem Olympiafinale 2024 aus der Nationalmannschaft verabschiedet, sondern beendet nun auch sein Engagement auf Vereinsebene. Wenn es nach dem 31-Jährigen geht, darf es gerne ein „sagenhafter Abschluss“ als erneuter deutscher Meister mit seinem Crefelder HTC sein. Den ersten Schritt hat Niklas Wellen mit dem 5:4-Sieg im ersten Play-off-Spiel gegen den Hamburger Polo Club getan. Nach seinem letzten Heimspiel hat die Krefelder Vereinsikone mit DHZ-Redakteur Uli Meyer über die Situation vor dem Rückspiel und die Zeit nach dem Hockey-Leistungssport gesprochen.
Herr Wellen, das Krefelder 5:4 gegen Polo war sportlich und emotional ein besonderer Tag – nicht zuletzt, weil es Ihr letztes Heimspiel im CHTC-Trikot war. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
NIKLAS WELLEN: Gar nicht so emotional wie erwartet, muss ich sagen. Es ist ja nicht so, dass ich wegziehe oder zum letzten Mal auf der Hockeyanlage war. Ich werde auch weiterhin bei Heimspielen sein und die Mannschaft verfolgen. Ich glaube, das wirklich letzte Spiel insgesamt wird dann nochmal etwas anderes. So war es ein schönes letztes Heimspiel – und sportlich ein brillanter Tag. Dass wir Polo regulär schlagen und nicht erst im Shoot-out, damit hatte ich ehrlicherweise nicht unbedingt gerechnet. Ich wusste, dass wir in solchen Spielen in den vergangenen Jahren schon immer sehr viel auf den Platz bringen konnten. Einen Sieg nach 60 Minuten hätte ich aber gegen diesen Gegner nicht zwingend erwartet.
Nach der schwierigen Hauptrunde und dem späten Sprung in die Play-offs steht der CHTC plötzlich wieder kurz vor dem Final-Four. Hätten Sie damit vor einigen Wochen ehrlich gerechnet?
Dass wir die Play-offs erreichen, damit habe ich schon gerechnet. Dass es am Ende so knapp wird, eher nicht. Das lag aber auch daran, dass sich die Mannschaften dieses Jahr extrem viele Punkte gegenseitig weggenommen haben. Wenn man sich die Rückrundentabelle anschaut, waren wir Zweiter hinter Köln. Das ist nüchtern betrachtet einfach richtig stark. Deshalb hat es mich fast eher gewundert, dass es überhaupt nochmal so eng wurde. Dieses Jahr brauchtest du aber deutlich mehr Punkte, um Platz acht zu erreichen. Das war schon kurios. Aber ich traue der Mannschaft aufgrund der Entwicklung der letzten Jahre und der Reife, die sie in diesen Spielen auf den Platz bringt, absolut zu, in solchen Situationen zu bestehen.
Gerade in solchen Entscheidungsspielen wirkt der CHTC in den vergangenen Jahren immer wieder besonders stabil. Woher kommt diese Stärke in den entscheidenden Momenten?
Ich glaube, das zeigen die Resultate der letzten Jahre ganz gut. Wir sind einfach eine richtig gute Truppe geworden, die in diesen Momenten noch enger zusammenrückt und in der sich jeder für den Nebenmann zerreißt. Da zählt am Ende vielleicht sogar etwas mehr als nur individuelle Qualität – obwohl die natürlich auch hilft. Einfach gesagt: Wir reißen uns einfach füreinander den Hintern auf. Dazu kommen die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren. Wir haben viele Situationen schon erlebt und sind Schritt für Schritt gewachsen. Erst Viertelfinale, dann Final Four, dann die Meisterschaft. Das ist eine stetige Entwicklung gewesen, Schritt für Schritt. Wir haben immer aus den Erfahrungen, besonders aus den Misserfolgen gelernt. Deshalb ist das für mich auch kein Zufall und kein Glück, sondern das Ergebnis harter Arbeit über Jahre.

Schlusspfiff im Play-off-Hinspiel zwischen dem Crefelder HTC und dem Hamburger Polo Club. Während Hamburgs Nic Woods (in weiß) verständlicherweise mit der Niederlage haderte, konnten die Gastgeber um Niklas Wellen vor allem dank des dreifachen Torschützen Masi Pfandt über ein 5:4 jubeln. Foto: Kramhöller
Über die Saison hinweg war Krefeld immer wieder zwischen Play-offs und Play-downs unterwegs. Wie schwierig war es, in dieser Situation Ruhe und Überzeugung zu bewahren?
Der Druck war in den vergangenen Wochen schon enorm hoch. Das hat man auch Woche für Woche gespürt. In den Trainings, in den Spielen, überall. Spielerisch haben wir es aber eigentlich vor allem in der Rückrunde recht konstant auf die Platte bekommen, weswegen wir meistens selbstbewusst in die Spiele gegangen sind. Ein bisschen Glück gehört natürlich auch immer dazu. Gegen Mannheim hatten wir am letzten Spieltag sicherlich auch das nötige Momentum auf unserer Seite, dafür gab es über die Saison andere Situationen, in denen wir eher Pech hatten. Das gleicht sich erfahrungsgemäß über die Saison hinweg schon fair aus.
Vielleicht war genau das jetzt sogar ein kleiner Vorteil gegen Polo. Für uns waren die Spiele gegen den HTHC, Mülheim oder Mannheim gefühlt schon Endspiele. Wenn wir die verloren hätten, wäre es vorbei gewesen. Polo musste diese Situation bislang vielleicht noch nicht so erleben. Aber genau deshalb wissen wir auch, dass es am nächsten Wochenende nochmal deutlich schwerer wird. Die Serie ist noch lange nicht gewonnen.
Jetzt geht es am Wochenende nach Hamburg mit der Chance, die Serie direkt zu entscheiden. Wie geht man so ein Wochenende an?
Eigentlich gar nicht anders als Spiel eins. Wir denken überhaupt nicht an Sonntag oder an irgendein mögliches Entscheidungsspiel. Der Fokus liegt komplett darauf, das erste Spiel zu gewinnen. Wir haben gezeigt, dass wir offensiv viele Tore schießen können. Gleichzeitig kassieren wir aber aktuell auch zu viele Gegentreffer, vor allem immer wieder viel zu leicht. Das müssen wir abstellen. Wenn uns das gelingt, haben wir definitiv eine gute Chance, die Serie am Samstag zu entscheiden. In einem möglichen Sonntagsspiel wird es dann schon definitiv schwieriger, da das Momentum natürlich auch bei der Mannschaft liegt, die den Ausgleich in der Serie geschafft hat. Aber wie gesagt, soweit denken wir zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht.
Parallel dazu endet nach dieser Saison Ihre Karriere. Wann ist in Ihnen erstmals konkret der Gedanke gereift, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sein könnte?
Eigentlich war das schon vor der Saison relativ klar. Da kamen einfach mehrere Dinge zusammen. Ich bin beruflich jetzt ins Familienunternehmen eingestiegen, und das wird kein normaler „9-to-5-Job“ für mich werden, da Ich da auch hohe Ambitionen habe. Dazu kommen Familie und Bundesliga-Hockey – und irgendwann merkst du, dass sich das alles nicht mehr vernünftig vereinbaren lässt. Für mich war deshalb klar: Entweder ganz oder gar nicht. Eine halbe Nummer wäre nichts für mich gewesen. Ich habe lange genug Hockey gespielt, mein erstes Bundesligaspiel war 2011. Irgendwann ist es dann auch fein, wenn Schluss ist.
Welche Rolle haben dabei auch die vergangenen Monate abseits des Hockeyplatzes gespielt? Haben sich durch die schwere Erkrankung Ihres Sohnes Prioritäten oder Perspektiven verändert?
Ja, definitiv. Dadurch ist nochmal klarer geworden, dass ich die Zeit für die Familie haben möchte. Bundesliga-Hockey bestimmt mit Auswärtswochenenden und allem drumherum einfach den kompletten Alltag. Diese intensive Phase als Familie hat meine Entscheidung definitiv nochmal bestärkt. Zum Glück sieht es aktuell so aus, als würde das alles gut ausgehen. Aber natürlich verändern solche Erfahrungen den Blick auf viele Dinge und machen Prioritäten nochmal deutlich klarer.
Wenn man auf Ihre Karriere blickt, fällt auf, dass viele der ganz großen Erfolge vergleichsweise spät kamen – sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft. Hat sich diese Geduld am Ende vielleicht sogar besonders gelohnt?
Ja, auf jeden Fall. Das Aufhören wäre deutlich härter gewesen, wenn ich am Ende mit fast leeren Händen dagestanden hätte. Das spiegelt meinen Weg vielleicht auch ganz gut wider. Ich war nie der Spieler, der von Anfang an das größte Talent hatte. Vieles habe ich mir erarbeitet und über harte Arbeit aufgebaut. Ich glaube, ich habe es über die Jahre geschafft, durch Erfahrung immer besser zu werden und dadurch auch Mannschaften weiterzuhelfen. Dass die großen Erfolge dann später kamen, passt eigentlich ganz gut dazu.
Gab es denn Phasen in Ihrer Karriere, in denen Sie durch die „ausbleibenden“ Erfolge tatsächlich mal ans Aufhören oder zumindest an einen anderen Weg gedacht haben?
Nein, eigentlich nie. Ehrlicherweise glaube ich sogar, dass ausbleibende Erfolge eher dazu geführt hätten, noch länger weiterzumachen. Dann wäre es wahrscheinlich sogar schwerer gefallen aufzuhören.
Sie hören nun in einem vergleichsweise frühen Alter auf – ähnlich wie einige Ihrer ehemaligen Nationalmannschaftskollegen zuletzt auch. Immer häufiger enden Karrieren bereits im sportlich besten Alter, weil sich Leistungssport, Beruf und Privatleben immer schwerer vereinbaren lassen. Ist das aus Ihrer Sicht eine Besorgnis erregende Entwicklung oder wäre für Sie persönlich unabhängig davon jetzt ohnehin der richtige Zeitpunkt gekommen?
Ich glaube schon, dass das für den deutschen Hockeysport und die Nationalmannschaft ein Problem ist. Wenn viele Topspieler früh aufhören, verlierst du natürlich Qualität und Erfahrung. Gleichzeitig musst du immer schneller neue Spieler nachziehen.
Wenn man sich andere Nationen wie die Niederlande, Belgien oder Australien anschaut, sieht man, wie lange die Topspieler dort auf höchstem Niveau spielen. Dort ist das die Regel, nicht die Ausnahme. Dadurch entsteht natürlich auch mehr Stabilität. Bei uns haben mit Moritz Trompertz, Florian Fuchs oder Lukas Windfeder immer wieder einige Spieler aufgehört, die sicherlich noch ein paar Jahre hätten spielen können. Das sind nur ein paar Beispiele, die mir direkt in den Kopf schießen. Deshalb glaube ich schon, dass das insgesamt eine Entwicklung ist, die man beobachten muss. Ich bin sehr gespannt, wie die Jungs es jetzt im Sommer bei der WM machen werden. Letzten Sommer haben erneut einige Leistungsträger aufgehört. Das ist keine leichte Aufgabe für André (Henning; Bundestrainer) und definitiv auf Dauer eine große Herausforderung, da du quasi jedes Jahr neue, „fertige“ Nationalspieler liefern musst.

Niklas Wellen und Philipp Jansen bestritten am Samstag, 16. Mai, ihr letztes Heimspiel im CHTC-Trikot und wurden vom Club und den Teamkameraden gebührend verabschiedet. Foto: CHTC
Bleibt Hockey für Sie künftig trotzdem ein zentraler Teil Ihres Lebens – oder freuen Sie sich erstmal bewusst auf Abstand?
Das aktive Hockey erst einmal nicht. Ich kann mir aktuell nicht vorstellen, noch zweite Herren oder sowas zu spielen. Eher mal Tennis, Padel oder eine Runde Golf. Aber natürlich werde ich dem Verein und der Mannschaft verbunden bleiben. Mein Sohn will vermutlich sowieso jedes Spiel von den Jungs sehen, sodass ich gar keine Wahl habe.
Abschließend: Was müsste in den kommenden Wochen noch passieren, damit Sie von einem perfekten Karriereende sprechen würden?
Perfekt wäre natürlich die Titelverteidigung. Aber allein nochmal ein Final-Four mitzunehmen und diese Spiele erleben zu dürfen, wäre schon etwas Besonderes. Wenn man schaut, wo wir zu Beginn der Rückrunde standen, wäre das schon eine ziemlich runde Geschichte. Und natürlich wäre ein weiterer Titel zum Abschluss einfach sagenhaft.
Vielen Dank für das Gespräch!







