Statt einen riesigen Sprung Richtung Halbfinale zu machen, haben die deutschen Herren durch einen misslungenen Start in die Zwischenrunde ihre sehr gute Ausgangsposition verspielt. Das Gute an der 1:2 (1:1)-Niederlage gegen Spanien am Freitag ist, dass die DHB-Auswahl ihr Schicksal weiter in der eigenen Hand behält. Aber es bedarf am Sonntag (17:30 Uhr) gegen Australien eines Sieges.
Es lief sehr ordentlich an für die deutsche Mannschaft, bei der Linus Müller und erstmals Justus Warweg aus dem Spieltagskader gestrichen wurden. Im ersten Viertel erarbeitete man sich 73 Prozent Ballbesitz, Spanien kam übers Verteidigen nicht hinaus und gelangte kein einziges Mal in den deutschen Kreis. Aus ihrer Dominanz machten die Deutschen jedoch wenig. Mehr als drei gefährliche Vorstöße über die Grundlinie bis nahe vor den gegnerischen Kasten gelangen nicht, und selbst bei diesen Szenen fehlten Witz und Wille, mehr daraus zu machen.
Gleich zu Beginn des zweiten Viertel bekam Deutschland seine erste (und bis zum Schluss einzige) Strafecke. Zum geplanten Abschluss kam es nicht, weil der Ball verstoppt wurde, den anschließenden Notabschluss durch Hugo von Montgelas (insgesamt noch einer der besten deutschen Spieler an diesem gebrauchten Tag) hielt Torwart Calzado ohne große Mühe (17.).
Spanien kam dann ein erstes Mal - und gefährlich dazu - in den deutschen Kreis (20.). Die Iberer konnten inzwischen eine paar mehr Ballbesitzphasen einstreuen. Dennoch gerieten sie nach 26 Minuten in Rückstand. Über links probierte es Michel Struthoff einfach mal mit einer Flanke. Seinen geschlagener Hoppelball hüpfte über gleich mehrere spanische Abwehrbretter, nicht aber über den Stock von Justus Weigand, der am langen Pfosten lauerte und aus einer ähnlichen Position wie im Frankreich-Spiel zum 1:0 traf.
Die insgesamt verdiente Führung hätte die deutsche Mannschaft gerne in die Pause genommen. Doch 48 Sekunden vor der Halbzeitsirene handelte man sich noch einen berechtigten Siebenmeterpfiff ein, als Spanien nach Freischlag von rechts in den Kreis flanken konnte. Nach einem misslungenen deutschen Stoppversuch lag der Ball dann plötzlich einschussbereit vor Marc Racasens. Weil Christopher Rühr den Spanier dabei körperlich bedrängte, blieb Schiedsrichterin Sarah Wilson gar nichts anderes übrig, als auf den Punkt zu zeigen. José Basterra jagte die Kugel humorlos oben ins rechte obere Eck und ließ bei diesem 1:1 Torhüter Jean Danneberg keine Chance.

Kampf der Generationen: Hugo von Montgelas (22; in weiß) treibt den Ball voran, Spaniens Joaquin Menini (34) versucht sich in der Verfolgung. Foto: Worldsportpics
Die Mannen von André Henning schienen den Rückschlag gut verdaut zu haben, als bald nach Wiederbeginn Grambusch mit einem langen Schlenzer den an der Grundlinie eingelaufenen von Montgelas fand, dieser aber Calzado nur zu einer weiteren sicheren Parade zwingen konnte (32.). Dies war der einzige Ball auf den Kasten, den die deutsche Mannschaft im dritten Viertel zustande brachte. Spanien fing an, offensiver zu pressen und erzielte mit diesem taktischen Wechsel gleich einige Effekte. Deutschland leistete sich – gerade im Vergleich zum Belgien-Spiel – in der Defensive sowohl mit als auch ohne Ball erstaunlich viele Fehler.
Hervorragend war in dieser Schwächephase lediglich die Strafeckenabwehr. Spanien erzwang in der zweiten Halbzeit insgesamt drei Ecken. Zweimal lief das kongeniale Läuferpaar Hinrichs/Ludwig ab, einmal rettete Hannes Müller auf der Linie.
Gerade im dritten Viertel schien es so, als ob Deutschland und nicht Spanien der Ruhetag fehlte. Die Mannen von Max Caldas hatten erst gut 22 Stunden vor diesem Zwischenrundenstart erst ihr letztes Vorrundenspiel abgeschlossen. Jetzt aber waren sie das entschlossenere Team.
Deutschland kam dann mit frischem Elan aus der letzten Viertelpause und hatte zumindest einen guten Angriffsansatz über Kaufmann, ehe es zur letztlich spielentscheidenden Situation kam. Ein von der deutschen Abwehr geblockter spanischer Torschuss hoppelte ohne großes Tempo auf Jean Dannebertg zu. Der wollte mit dem Fuß zu seiner linken Seite hin klären, erwischte den scheinbar einfachen Ball aber nicht richtig. Basterra hatte den Braten gerochen und lenkte die Kugel im Fallen aus spitzem Winkel in den deutschen Kasten – 1:2 (50.).
Natürlich versuchte Deutschland, das Schockerlebnis in einen Schlussspurt umzumünzen. Doch bis auf ein starkes Solo von Prinz, der dann an Calzado scheiterte (54.), wollte offensiv nichts mehr Zwingendes gelingen. Als dann Weigand zwei Sekunden vor dem Schlusspfiff nur um Zentimeter an einer letzten Grambusch-Flanke vorbeirutschte, war die ärgerliche Niederlage perfekt. Nach der zweiten Halbzeit war sie bei insgesamt 13:17 Kreiseintritten, 5:10 Ecken und 1:3 Ecken nicht mal unverdient.
Zugleich war es der neunte spanische Sieg in den letzten elf Duellen gegen Deutschland. Ein Lieblingsgegner werden die Iberer wohl nicht mehr.
Jean Danneberg liegt quer in der Luft, Spaniens Marc Reyne guckt dem Lauf des Balles nach. Dem deutschen Keeper unterlief später durch einen misslungenen Kick der spielentscheidende Fehler. Ein Missgeschick, für das den Welttorhüter nachher alle in Schutz nahmen. "So etwas passiert auch den Allerbesten mal. Jean hat uns schon so oft mit seinen Paraden gerettet", sagte etwa der Bundestrainer. Foto: Worldsportpics
Stimmen:
André Henning: "Wir haben den Matchplan nicht umgesetzt und vor allem im letzten Drittel zu viel um den heißen Brei herumgespielt. Wir waren nicht aggressiv genug, es gab keine Killermentalität, im Kreis haben wir zu oft die falschen Entscheidungen getroffen. Eigentlich ein klassisches "No-Go"-Verhalten auch in bestimmten Bereichen. Davon hatten wir zu viel. Der Ärger ist auf jeden Fall da, weil es eine selbst produzierte Niederlage ist. Auch wenn man sich beide Szenen, die zu unseren Gegentoren geführt haben, anschaut: Das sind Fehlerketten. Vor dem Siebenmeter waren es zum Beispiel zwei, drei Fehler. Ich bin heute vielleicht auch nicht so rangekommen an die Jungs, es war nicht so coachable mit den Jungs, wie sich das normalerweise anfühlt. Es bleibt bis zum letzten Spieltag hier sehr knapp."
Tom Grambusch: "Ich bin sehr enttäuscht. Wir hatten in der ersten Hälfte alles im Griff und haben dann nach der Pause den Faden verloren. Wir haben ihnen das zweite Gegentor geschenkt und haben es am Ende auch nicht geschafft, Chancen herauszuspielen. Wir haben nicht unverdient verloren. Das Gegentor kurz vor der Pause hat uns schon noch ein paar Minuten beschäftigt. Spanien ist dann stärker geworden und hat es auch defensiv gut gemacht."
Michel Struthoff: "Wir haben gut angefangen, aber haben dann den Matchplan etwas aus dem Kopf verloren. Wir haben es zum Teil anders gemacht als vorher besprochen. Dann reichen ein paar kleine Dinge schon - und es läuft gegen Dich. Das war heute ein wichtiges Learning. Wir haben vorne noch Potenzial zum Toreschießen, das ist offensichtlich. Meine Torvorbereitung für Justus war eigentlich ein blindes Ding, er hat dann glücklicherweise noch irgendwie den Schläger hingehalten. Wir müssen das Spiel jetzt abhaken und daran arbeiten, dass es gegen Australien besser läuft. Davon gehe ich auch aus."







