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4:2 über Australien - große Leistung unter größtem Druck

Wenn der Druck am größten, dann liefern sie einfach. Die deutschen Herren sind ein Phänomen. Sie mussten am Sonntag im letzten Zwischenrundenspiel gegen Australien gewinnen, um nicht das Halbfinale zu verpassen. Und trotz eines frühen Rückstandes folgte noch ein 4:2 (3:2)-Sieg – dank „unseres besten Spiels der letzten zwei Jahre“, wie der stolze Bundestrainer André Henning hinterher anmerkte.

 

Die Australier, denen schon ein Unentschieden zum Halbfinaleinzug genügt hätte, konnten ihr Polster gleich nach drei Minuten sogar auf zwei Tore ausbauen. Deutschland bekam nach einem Freischlag rechts den Ball nicht geklärt, und plötzlich kam dieser zum frei am rechten Pfosten stehenden Blake Govers, der natürlich wenig Mühe hat, zum 0:1 abzustauben.

Das deutsche Team wirkte unbeeindruckt und profitierte auch davon, dass sich Brand gleich eine grüne Karte einhandelte. In Überzahl kamen die Honamas nach kluger Schlenzverlagerung und nicht eingehaltenem Abstand zur ersten Ecke, aus der sofort die zweite wurde. Brilla visierte mit seinem Schlenzer das linke obere Eck an. Der Ball hätte wohl auch wunderbar gepasst, wenn nicht Torwart Thomas bärenstark Arm und Stock hochgezogen hätte.

In der 11. Minute schlug die Kugel dann aber genau in diesem linken oberen Winkel des australischen Gehäuses ein. Weigand hatte den auf die Mittelstürmerposition eingelaufenen Hannes Müller bedient, der trotz Bedrängung einen hohen Rückhandschrubber zum 1:1 ansetzen konnte.

Fun-Fact am Rande: Müllers Vater Wulf hatte sich beim morgendlichen Telefonat mit Hannes ein Tor von diesem zu seinem heutigen 60. Geburtstag gewünscht. Mission erfüllt!

Jubel nach dem 1:1 durch Hannes Müller. Foto Worldsportpics

 

Keine 60 Sekunden später lag der Ball ein zweites Mal im australischen Kasten, als Rühr von rechts eine scharf und grenzwertig gefährliche Flanke schlagen konnte, die gleich drei Australier nicht zu fassen bekamen und deshalb am langen Pfosten Michel Struthoff erreichte, der aus der Drehung das 2:1 (12.) markierte. Dass zwischen beiden deutschen Toren sogar noch eine australische Großchance durch Sharp (ans Außenbrett) lag, verdeutlich, wie rasant es zeitweise hin und her ging.

Deutschland blieb auch mit Beginn des zweiten Viertels am Drücker. Struthoff zog mit einem Solo die dritte Ecke, die Australien jedoch im Videobeweis wieder gelöscht bekam. Doch bald schon durfte Deutschland wieder jubeln und zwar über das spektatulärste Tor des Tages. Ludwig schickte Rühr mit einem Schlenzer gefühlvoll in den freien Raum. Das Spielfeld war plötzlich so offen, dass Rühr halblinks frei zum Abschluss kommen konnte. Seinen hohen Schlag kratzte Thomas zwar vor dem Einschlag unter der Latte weg, doch nur seitwärts, wo Justus Warweg das Luftduell gegen einen Abwehrspieler für sich entschied und zum 3:1 (19.) einblockte. Der junge Kölner war nach einem Spiel Pause wieder zurück in den Kader rotiert (Linus Müller und Hellwig blieben raus) und machte ein wirklich starkes Spiel.

Australien musste etwas unternehmen und erhöhte sein Pressing. Das deutsche Team hatte zeitweise Probleme und ein paar mehr Ballverluste als normal. Ein paar Mal wurde es brandgefährlich, doch erst in der letzten Minute vor der Halbzeit klingelte es dann auch im Kasten von Danneberg. Müller hatte einen australischen Freischlag in den Kreis so „mustergültig“ verstoppt, dass es zur Vorlage für Joel Rintala wurde, der den Ball dann prompt in den Winkel donnerte. Dass die deutsche Abwehr per Videobeweis die korrekte Ausführung des Freischlages („5 Meter“) in Frage stellte, war nicht die beste Idee, denn der Treffer hielt der Überprüfung stand, und der Videorecht war für Deutschland weg. Mit 3:2 ging es in die Pause.

Deutschland kam wach und mutig aus der Kabine, Rühr prüfte gleich mit einem Pfund vom Kreisrand den Keeper, kurz danach verpasste Kaufmann eine Schwarzhaupt-Flanke hauchdünn (38.). Dann die Minute des Hugo von Montgelas. Erst zog der sehr mutig und effektiv im Mittelfeld agierende Jungspund elegant die dritte deutsche Ecke. Diese wurde von der Abwehr zunächst geblockt, aber es ergaben sich daraus gleich drei Nachschusssituationen. Prinz und Weigand blieben noch hängen, nicht aber von Montgelas, der aus der Drehung zum 4:2 (40.) einschob. Einen besseren Zeitpunkt für sein erstes Länderspieltor hätte er sich kaum aussuchen können.

Australien hatte kurz danach seine erste Ecke, bei der die Variante über Ephraums eigentlich sehr gut gegen die deutsche Welle klappte. Der Stecher zischte knapp am deutschen Pfosten vorbei (42.).

Es ging ins letzte Viertel, wo Hanes Müller noch einmal doppelt in den Fokus rückte. In der 52. Minute verspielte er vorne eine gefühlt 100-prozentige Einschussgelegenheit zum 5:2, als drei deutsche Spiele alleine vor dem Torwart den Ball hatten, keine 30 Sekunden später verursachte er hinten gegen Craig einen Siebenmeterpfiff wegen angeblichen Stockschlags. Dass der niederländische Schiedsrichter Otten die Szene überprüfen ließ, war nicht selbstverständlich, hatte doch Deutschland kein Videorecht mehr. Doch Otten nahm den Beweis selbst, und nach einer sehr langen Untersuchung der Szene gab es tatsächlich Freischlag für die Abwehr wegen „Shielding“. Glück gehabt.

Australien spielte die letzten fünf Minuten in künstlicher Überzahl, holte auch noch zwei Ecken, die abgelaufen (Ludwig) oder verstoppt wurden. Als dann auch der letzte Rückhandknaller von Rintala über den Querbalken sauste, war es geschafft. 11:10 Schüsse bei 10:17 Kreiseintritten verdeutlichen, dass Deutschland heute sehr effektiv und mit vier Toren auch ungewöhnlich erfolgreich agierte.

Deutschland hatte nicht nur das Ausscheiden vermieden, sondern stand mit dem Sieg plötzlich auf Platz eins der Tabelle, hätte nur noch von Spanien im Abendspiel verdrängt werden können. (was dann nicht passierte).

 

Gesprächsbedarf gibt es immer. Hier nach dem australischen Führungstreffer. Foto: Worldsportpics

 

Stimmen:

 

André Henning: "Das war das größte Druckspiel, was wir kriegen konnten. Und was passiert: Die Mannschaft zeigt das beste Spiel seit zwei Jahren. Darauf bin ich sehr stolz, dass wir so eine Entwicklung hinbekommen. Das war vor dem, was ich erwartet hätte heute. Das ist ein herausragender Erfolg. Der kleine Krisenmoment gegen Spanien war auch lehrreich. Im Vergleich zum Spanien-Spiel stand ja heute insbesondere in der Offensive eine andere Mannschaft auf dem Platz. Dieses Gefühl konnte man bekommen. Die Jungs waren vorne mutig und hatten viel Lust. Wenn wir so weiter machen, offensiv und auch in der Defensive so gut wie bisher in diesem Turnier stehen, dann wird uns das weitertragen."

 

Hugo von Montgelas: "Ich bin sehr glücklich und muss das erstmal verarbeiten: Gut, dass wir jetzt ein paar Tage frei haben. Es scheint so, als hätte ich mir mein erstes Tor für dieses Match gegen Australien aufgehoben. Das ist ein perfekter Tag heute. Das Spanien-Spiel war natürlich ein kleiner Downer. Aber wir wissen, dass wir unter Druck noch besser sind. Das haben wir heute bewiesen. Wenn man im Halbfinale steht dann will man natürlich auch weiterkommen."

 

Hannes Müller: "Wir haben uns damit auseinandergesetzt, dass man auch zurückliegen kann. Wir wussten aber um unsere Stärken und die haben wir dann versucht, über 60 Minuten auf den Platz zu bringen. Das ist uns auch eindrucksvoll gelungen. Die Erleichterung ist jetzt sehr groß. Hier auszuscheiden, wäre bitter gewesen. Mal schauen, wer jetzt unser Gegner wird. Wir wollen ins Finale, ganz klar.“