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„Ein tolles Beispiel für einen sauberen und wirklich demokratischen Prozess“

Die Entscheidung ist gefallen: München geht mit seinem Konzept „München 20XX“ als deutscher Kandidat in die Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 und 2044. Mit 91 zu 50 Stimmen siegte die bayerische Landeshauptstadt am Samstag, 26. September 2026, bei der außerordentlichen DOSB-Mitgliederversammlung vor Köln mit seinem Konzept „KölnRheinRuhr“. Bereits im Vorfeld hatte Berlin seine Kandidatur „Berlin+“ zurückgezogen, nachdem wenige Tage zuvor bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus zwei Olympia-kritische Parteien die Mehrheit bekommen hatten.

Ohne „politische Stabilität“ wolle man sich, so Berlins Olympia-Beauftragter Kaweh Niroomand, „diese Blamage … ersparen“. Neben dem Deutschen Hockey-Bund waren die 41 weiteren olympischen Spitzenverbände mit jeweils drei Stimmen stimmberechtigt sowie das zehnköpfige DOSB-Präsidium und die acht persönlichen Mitglieder, ehemalige Aktive wie auch der zweifache Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste.

Vor Ort in Baden-Baden vertraten Vizepräsident Recht Christian Deckenbrock und der Vorstand Finanzen und Events Julien Keibel den DHB. Im Interview mit DHZ-Mitarbeiter Andrej Oelze äußerte sich Keibel zur Wahl Münchens, zum Entscheidungsprozess und dem Hintergrund für die geheime Abstimmung sowie zur weiteren Zusammenarbeit zwischen DHB, DOSB und deutschem Olympia-Kandidaten.

 

Herr Keibel, München geht als deutsche Bewerberstadt um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 und 2044 ins Rennen. Wie bewertet der Deutsche Hockey-Bund diese Entscheidung?

Julien Keibel: Erst einmal geht unser Glückwunsch natürlich nach München. Und wir als DHB freuen uns, Teil dieser demokratischen Entscheidung der DOSB-Mitgliederversammlung gewesen zu sein. Alle vier Konzepte, also auch Berlin und Hamburg, waren qualitativ hochwertig und hätten Deutschland wirklich sehr gut vertreten können. Jetzt geht es nicht mehr um den Wettbewerb der Konzepte, sondern um eine gemeinsame bestmögliche Bewerbung für Deutschland. Wir als Deutscher Hockey-Bund waren immer für Olympische Spiele in Deutschland und freuen uns, mit München weiter an diesem Traum arbeiten zu dürfen.

 

Die Entscheidung ist mit 91 zu 50 Stimmen relativ deutlich ausgefallen. Haben Sie persönlich das so erwartet?

Wir haben mit einem offenen Ausgang gerechnet, am Ende war es dann vielleicht doch etwas deutlicher als erwartet. Beide Konzepte hatten, das hat man ja auch im Evaluierungsprozess und dem Bericht der Kommission gesehen, ihre Stärken, lagen eng beieinander. Das zeigt auf jeden Fall, dass sich die Spitzenverbände intensiv mit den Konzepten auseinandergesetzt haben.

 

Wurden die einzelnen Bewerberkonzepte im Vorfeld innerhalb der olympischen Spitzenverbände diskutiert?

Wir hatten insgesamt sechs Workshops gemeinsam mit dem DOSB und den olympischen Spitzenverbänden. Dort haben wir uns intensiv über den Prozess ausgetauscht. Natürlich spricht man auch mal beim Kaffee mit anderen olympischen Spitzenverbänden. Aber jeder hat da seinen eigenen Weg, wie er sich mit den Konzepten auseinandersetzt. Auch, wie die Verbände tatsächlich den Prozess des eigenen Votums angegangen sind, ist immer ein bisschen unterschiedlich. Von daher: Ja, wir tauschen uns aus, aber haben uns nicht abgesprochen.

Visualisierung des olympischen Hockey-Wettbewerbs im Sportpark Unterhaching als Teil des deutschen Bewerbungskonzeptes „München 20XX“. Fotos/Visualisierung: LHM / Fix Visuals – Creative Studio

War München das favorisierte Konzept des DHB?

Die Wahl beim DOSB war geheim. Wir als Gesandte des DHB-Präsidiums haben über das zu wählende Konzept geheim abgestimmt, und das befolge ich auch so: Dieses Ergebnis wird natürlich nicht in die Öffentlichkeit getragen.

 

Da sich bisher kein Verband öffentlich zu seinem Abstimmungsverhalten geäußert hat, ist anzunehmen, dass es seitens des DOSB eine entsprechende Empfehlung gab?

Ja, es gab die Empfehlung, an die man sich natürlich nicht halten muss, die wir aber auch in den Workshops gemeinschaftlich als Gruppe der olympischen Spitzenverbände so berücksichtigt haben.

 

Welche Gründe gibt es für eine solche Geheimhaltung?

Wir wollen Olympische Spiele in Deutschland. Und am Ende ist jeder Standort für uns wichtig. Jeder der vier Standorte, Berlin und Hamburg mit eingenommen, ist für uns im Bereich Hockey wertvoll und gehört weiter ausgebaut. Mit allen vier Bewerberstädten pflegen wir hervorragende Beziehungen, um den Hockeysport weiterzuentwickeln. Dieses Bestreben haben wir auch in Zukunft, daran soll keine Entscheidung für einen Standort etwas ändern.

 

Gab es im Vorfeld Dialoge zwischen dem DHB und den Bewerberstädten?

Wir hatten mit jedem möglichen Ausrichter Austausch. Diesen hat jede Stadt etwas anders gestaltet, aber wir wurden bei allen Konzepten nach unserer Meinung gefragt. Auch, ob wir vielleicht noch nützliche Hinweise haben für die einzelnen Standorte.

 

Hatte der in der Vorwoche veröffentlichte DOSB-Bericht der Evaluierungskommission noch Einfluss auf die DHB-Entscheidung oder war die eigene Position da schon klar?

Zunächst muss ich sagen, dass der Evaluierungsprozess wirklich ein tolles Beispiel für einen sauberen und wirklich demokratischen Prozess war. Auch wir als olympischer Spitzenverband waren Teil dieses Evaluierungsprozesses, auch wir haben unsere Bewertung abgeben dürfen. Unsere Entscheidung beruhte aber auf dem Gesamtbild der einzelnen Konzepte. Auch dadurch, dass der Bericht ja erst kurz vor der Entscheidung kam, haben wir uns davon nicht beeinflussen lassen. Das war auch nicht das Ziel des Evaluierungsprozesses, sondern zu bewerten, wie gut die Konzepte sind und ob sie geeignet sind für eine deutsche Bewerbung. Das Ergebnis hat gezeigt, dass zumindest die beiden Finalisten sehr nah beieinander lagen.

 

War bei der internen DHB-Entscheidung das gesamte Bewerbungskonzept ausschlaggebend oder mehr das Olympia-Hockey-Turnier?

Natürlich hat der Austragungsort eine Rolle gespielt, war aber nicht allein ausschlaggebend. Selbstverständlich sind die Qualität der Hockey-Infrastruktur und die Art und Weise, wie unsere Sportart dort präsentiert wird, wichtige Faktoren. Aber entscheidend war für den DHB die Gesamtperspektive der Olympiabewerbung.

 

Wie hat der DHB die Kriterien und Konzepte geprüft? Ging das über die genannten DOSB-Workshops hinaus?

Das war eine Mischung aus allem. Wir haben die Workshops genutzt, hatten Austausch mit den Bewerberstädten und es gab auch Einladungen vor Ort. Welche und wie oft jede Stadt beziehungsweise Region Termine vor Ort machen durfte, wurde ganz klar durch den DOSB reglementiert.

Die zwei DHB-Delegierten Julien Keibel (links) und Christian Deckenbrock (rechts) mit den beiden Olympiagold-Gewinnerinnen von 2004, Natascha Keller, Botschafterin der Berliner Olympia-Bewerbung (2. v. l.) und Marion Rodewald, Vizepräsidentin Leistungssport im Landessportbund Nordrhein-Westfalen. Foto: privat

 

Betrachtet man nur Hockey, läge es da nicht nahe zu sagen, der DHB kann sich nur für das Konzept „KölnRheinRuhr“ entscheiden, das den Mönchengladbacher Hockeypark enthält? Zumal nun ja auch mehrere Millionen Euro aus Nordrhein-Westfalen in das Nationale Hockey-Trainingszentrum dort fließen?

Natürlich fließen Zuschüsse in den Hockey-Standort Mönchengladbach. Aber wie bereits gesagt, werden wir unser Votum nicht veröffentlichen. Sicherlich wäre olympisches Hockey hier im „Wohnzimmer“ in Nordrhein-Westfalen eine schöne Geschichte gewesen. Aber wir glauben auch daran, dass es jetzt mit München, mit dem Uhlsport-Park in Unterhaching, eine tolle Veranstaltungsstätte wird, die sicherlich auch noch einmal modernisiert wird. Und wenn es soweit ist, dass wirklich Olympische Spiele nach Deutschland kommen, werden ja auch nicht alle Sportveranstaltungen der nächsten Jahre nur in München ausgetragen werden können. Der Hockeypark in Mönchengladbach bleibt also nicht für die nächsten zehn Jahre zu. Dieser Faktor war in der Gesamtbeurteilung daher nicht allein entscheidend. Wir glauben daran, dass München eine sehr gute Sportstätte hinstellen und hoffentlich auch die Trainingsbedingungen in der Region weiter ausbauen wird.

 

Wie bewertet der DHB die Bedeutung für den Hockeysport, dass jetzt München und der Austragungsort Sportpark Unterhaching gewonnen haben?

Für uns sind Olympische Spiele in Deutschland, wenn sie denn kommen, wahrscheinlich der wichtigste Katalysator für den Hockeysport im eigenen Land. Wir erhoffen uns dadurch natürlich bessere Trainingsbedingungen, neue Zielgruppen zu erreichen, junge Menschen für den Hockeysport gewinnen zu können, positive Auswirkungen auf die Vereinsentwicklung, auf die Nachwuchsförderung – natürlich auch über das Turnier hinaus. Schaut man sich die Austragungsorte bisheriger Olympischer Spiele in den einzelnen Ländern an, sieht man, was diese historische Veranstaltung für einen Sport nachhaltig bringen kann.

 

Mit Blick auf den Sportpark Unterhaching, was muss aus DHB-Sicht vor Ort noch passieren, damit der Hockey-Olympia-Event perfekt wird?

Erst einmal unterstützen wir den DOSB und München dabei, die Spiele tatsächlich nach Deutschland zu holen. Da werden wir sicherlich in den hockeyrelevanten Fragen und vielleicht auch darüber hinaus eingebunden werden. Das wird am Ende eine Zusammenarbeit zwischen uns, dem Bewerberteam und dem DOSB. Wir werden sicherlich auch mit der FIH sprechen, mit lokalen Partnern, um eben bei allen relevanten Fragestellungen die bestmögliche Antwort geben zu können und am Ende beim IOC eine Top-Bewerbung ins Rennen zu schicken.

 

Wie wird die weitere Zusammenarbeit zwischen DHB und den Beteiligten des Bewerbungsprozesses, also DOSB und München, aussehen?

Wir werden der sportfachliche Ansprechpartner sein, weil München das Bewerberkonzept sicherlich nicht alleine schaffen kann und wird. So ist auch die Absprache. Der weitere Prozess wird jetzt skizziert und ist noch nicht in Stein gemeißelt. Aber wir stehen immer mit Rat und Tat zur Seite und bringen uns auch proaktiv ein. Ich gehe fest davon aus, dass das Bewerbungskonzept in den nächsten zwei Jahren noch einmal reifen und an den wichtigsten Stellschrauben gedreht wird. Damit wir konstruktiv und verlässlich partnerschaftlich für zumindest Hockey eine super Bewerbung abgeben werden.

 

Kommt dem DHB als erfolgreichstem olympischen Mannschaftssportverband im DOSB im Bewerbungsprozess eine besondere Rolle zu, wird er entsprechend wahrgenommen?

Alle olympischen Spitzenverbände hatten laut DOSB-Satzung die gleiche Stimmanzahl. Von daher hat jeder Verband erst einmal die gleiche Gewichtung. Natürlich werden unsere Erfolge gesehen und damit auch die Wichtigkeit. Aber am Ende geht es nicht um einzelne Sportarten, sondern um das Gesamtbewerbungskonzept.

Vielen Dank für das Gespräch!