Es war eine der überraschenden Trainerpersonalien in diesem Sommer: Der Düsseldorfer HC verpflichtete Jan Henseler als Cheftrainer für die DHC-Damen, den amtierenden Deutschen Meister in Feld und Halle. Ohne aus seinem bisherigen Engagement beim Bonner THV völlig herausgerissen zu werden, stellt sich der 42-Jährige seit wenigen Monaten nun zusätzlich dieser reizvollen Aufgabe. Angelaufen ist es für ihn und die DHC-Damen ganz passabel, wenngleich vor allem offensiv mit nur elf erzielten Toren in acht Spielen für den Tabellendritten der 1. Bundesliga noch viel Luft nach oben ist. Wie es zu dieser Verpflichtung kam, wie er seine Rolle bei dieser erfahrenen Truppe sieht und warum die Vorfreude auf 2027 besonders groß ist, erörtert Jan Henseler im Gespräch mit DHZ-Mitarbeiterin Claudia Klatt.
Herr Henseler, wie kam es zu Ihrem Engagement in Düsseldorf?
JAN HENSELER: Der DHC hat mich kontaktiert und gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Ich habe erst einmal gefragt, ob ich die Sportliche Leitung des Jugendbereichs im Bonner THV parallel dazu fortführen kann. Da das bejaht wurde, habe ich dann mit dem BTHV gesprochen, die meinen Wunsch unterstützt haben, wofür ich sehr dankbar bin, und dann ging alles recht schnell, und ich habe kurz vor dem Vorbereitungsstart in Düsseldorf unterschrieben.
Sie haben aber nicht aktiv gesucht?
Nein, gar nicht. Der BTHV hat nach meiner Rückkehr aus München mit mir gemeinsam zu 2023 die (halbe) Stelle der Sportlichen Leitung für mich geschaffen. Das ist eine tolle abwechslungsreiche Aufgabe, die sich noch immer weiterentwickelt und von Strukturen in der Hockeyabteilung, über Trainerausbildung bis zur Konzeptionellen Arbeit geht. Also viele Sachen, die im Hintergrund passieren, die aber in großen Vereinen nicht mehr ehrenamtlich zu bewerkstelligen sind. Nebenher hatte ich eigentlich noch Pläne, oder nennen wir es eher Ideen, etwas in Richtung Beratung aufzubauen, dann musste aber der damalige BTHV-Damentrainer aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig aufhören, und ich habe mich natürlich bereit erklärt, zurück zu meiner alten Mannschaft zu kehren, und es hat mir auch sofort wieder Spaß gemacht. Ich hatte aber schon dieses Verlangen, nochmal etwas anderes zu machen. Vollkommen offen in welche Richtung. Und dann kam eben die Anfrage aus Düsseldorf.
Was hat sie denn gereizt, die DHC-Damen zu übernehmen?
Ich glaube, wenn du mit Leib und Seele Hockeytrainer bist, ist es immer eine reizvolle Aufgabe, die erfolgreichste Damenmannschaft der letzten Jahre zu übernehmen. Den besonderen Reiz für mich macht aber aus, jetzt eine Mannschaft mit vielen erfahrenen Spielerinnen zu übernehmen und mit ihnen in den Monaten Februar bis Mai in vier Wettbewerben um Titel mitzuspielen und dann aber auch in Richtung der kommenden Saisons einen Umbruch mitgestalten zu können und mit einer neuen Generation, die ja schon im Team existiert, den erfolgreichen Weg weiterzuführen. Das ist eine richtig große Herausforderung, auf die ich mich genauso freue wie auf die aktuelle Saison.

Annika Schönhoff (links; im DHC-Heimspiel gegen den Bremer HC, hier mit Josefina Rübenecker und hinten Lena Frerichs) ist mit drei Toren die bisher erfolgreichste Torschützin von Meister Düsseldorfer HC, der bei erst elf Treffern in acht Saisonspielen noch eine gewisse Ladehemmung in der Offensive zeigt. Foto: Kramhöller
Kommen wir zur Aktualität. Wie lief das vergangene Doppelwochenende mit einem 1:1 gegen Bremen und einem 1:0 im Düsseldorf-Derby gegen Aufsteiger DSD aus Ihrer Sicht?
Es war gut, dass wir fünf Punkte geholt haben, sechs wären uns natürlich lieber gewesen, und die wollten wir eigentlich auch holen. Uns fehlen momentan die Abläufe, die Automatismen und die Selbstverständlichkeit, Tore zu erzielen. Gegen Bremen machen wir ein ordentliches Spiel, erzielen kein Tor, bekommen hinten unglücklich einen rein und müssen dann alles investieren, um noch den Ausgleich zu erzielen, haben sehr viel Pech, dass uns das Traumtor zum 2:1 weggepfiffen wird und holen uns dann im Shoot-Out immerhin noch den Extrapunkt.
Gegen einen ausgeruhten DSD ist es im Grunde ein absolut souveräner und hochverdienter Sieg. Wir lassen sage und schreibe 60 Minuten keinen gegnerischen Kreiseintritt zu, aber weil wir vorne zu viel liegen lassen, bleibt es halt bis zum Schluss spannend. Am Wochenende davor war es ja im Grunde genauso. Nur dass da noch 16 Stunden Zugfahrt hinzukamen und da dann eben nur ein Punkt rausgesprungen ist.
Das ist natürlich alles irgendwie erklärbar: Neuer Trainer, für DHC-Verhältnisse auch sehr viele neue Spielerinnen. Mit Sophia Schwabe und Sara Strauss, die während unserer Hinrunde in Australien spielen, und Lucy Zich und Lotti Ritter, die in den USA studieren, fehlen gleich vier hochkarätige Offensivspielerinnen, sodass aus der letztjährigen Angriffsreihe nur Anni Schönhoff übrigbleibt und sie damit eine Menge Verantwortung mit ihren gerade einmal 18 Jahren bekommt.
Lisa Nolte und Rike Heusgen sind nach der WM erst kurz vor Saisonstart zum Team gestoßen, Clara Ycart Canal fehlt verletzungsbedingt, und Selin Oruz da Silva Felix hat auch erst in drei von acht Spielen mitwirken können. Und dann treten wir auch noch als Deutscher Meister an, dem jeder gerne ein Bein stellen möchte und eine Portion Extramotivation mit ins Spiel nimmt.
Als Ausrede taugt das alles nicht. Wir können das alles gut nehmen, um den Finger in die Wunde zu legen, und das zeigt Wirkung. Die Mannschaft ist sehr ehrlich miteinander und erstickt Nachlässigkeit im Keim. Das wird auch helfen, die restlichen drei Partien noch erfolgreich gestalten zu können.
Sie sind in Düsseldorf in feste Strukturen im Coaching-Staff mit hineingekommen. Was ist Ihre Rolle dabei?
Frank Franssen ist bei uns technischer Direktor für den gesamten Jugendbereich und als Co-Trainer Damen tätig, Robby Imdahl macht das Techniktraining, seit im letzten Jahr die Trennung vom Headcoach erfolgte. Darüber hinaus arbeitet noch ein Athletiktrainer, ein Torwarttrainer und ein Videoanalyst mit im Coaching-Staff. Ich fand es sehr gut, dass die Strukturen erst einmal so bleiben, weil ich es cool finde, mit einem großen Staff zu arbeiten. Wenn man so viele Titel in den letzten Jahren holt und Spielerinnen dabei sind, die sie alle mitgemacht haben, dann sind auch in der Mannschaft bereits Strukturen, die sehr fest sind, und das ist auch gut so.
Diese klare Struktur zeichnet diese Mannschaft auch aus, und dementsprechend geht es eigentlich darum, in diesem bestehenden System auch mit einem Headcoach, was es ja nur die letzten acht Wochen der Vorsaison nicht gab, mit meiner langen Erfahrung zu erkennen, wo ich irgendwelche Punkte reinschmeißen kann oder Veränderungen anstoßen kann. Diese müssen aber immer hinterfragt werden, ob sie der Mannschaft noch etwas Zusätzliches geben oder ob sie Verunsicherung bringen. Man muss sehr behutsam damit umgehen. Insgesamt gelingt es uns, glaube ich, gerade aber schon ganz gut. Wobei natürlich die Kaderstruktur mit dem kleinen Kader und dadurch, dass viele fehlen, sowieso schon Veränderungen mit sich bringt. Mein Jobempfinden ist es, momentan diesen Prozess zu moderieren, aber auch viel zu beobachten.
In der Saisonvorschau gaben Sie als Zielsetzung aus, dass Sie bis zum Winter die Grundlage für ein erfolgreiches nächstes Jahr legen wollen. Was meinen Sie genau mit Grundlage?
Es ist natürlich auch ein Kennenlernen von mir, aber natürlich wissen wir, dass zur Rückrunde Sophia Schwabe und Sara Strauss wieder dabei sind, die auf jeden Fall ein richtig großes offensives Upgrade darstellen werden. Jetzt geht es darum, dass wenn sie wieder zurück in diese Gruppe kommen, sich diese Gruppe dann grundsätzlich so kennt, dass man nur noch die integrieren muss und gerade nicht sieben neue und sieben alte Spielerinnen zusammenführt.
Ich glaube, das ist so der Weg, den wir gerade machen und auch machen müssen, weil wir eben gerade in dieser Situation sind. Wenn wir in zwei Wochen aus dem Feld gehen, wollen wir sagen können, dass wir erst einmal eine Hinrunde gestellt haben, die uns tabellen- und punktemäßig alle Optionen für die Rückrunde gibt und wir die maximal beste Position in der Rückrunde herausholen können, weil Platz eins eben EHL bedeutet. Wenn der nicht ganz so weit weg ist, wäre das nicht schlecht. Dafür haben wir viel getan, weil wir den MHC geschlagen haben. Dann kommt erst einmal die Hallensaison, in der es ganz klar darum geht, um den Titel mitzuspielen, und eine Woche nach dem Final-Four kommt der Europapokal in der Halle in Wien, wo es darum geht, einen Titel zu gewinnen. Danach kommt der Rückrundenstart auf dem Feld mit einem Doppelwochenende, dann folgt Ostern das EHL-Wochenende, wo es wirklich wieder darum geht – obwohl es für mich eine Premiere ist – von Spiel zu Spiel zu gucken, ob wir da nicht mal weiter als bis ins Halbfinale kommen können. Danach folgen noch neun Spiele und dann das Viertelfinale. Wir haben den Anspruch, danach auch das Final-Four zu bestreiten, was bedeutet, dass man in einem Zeitrahmen von Anfang Februar bis zum letzten Maiwochenende in kürzester Zeit vier Titelentscheidungen hat, um die wir mitspielen wollen, was auch eine richtig große Belastung beziehungsweise Anspannung ist, und wo es kaum Pausen gibt. Dementsprechend ist die Vorbereitung dafür in vollem Gange – genau für diesen Marathon an wichtigen Spielen, die wir noch haben werden.

DHC-Trainer Jan Henseler im Kreis seiner Mannschaft während des Düsseldorf-Derbys gegen Aufsteiger DSD. Foto: Kramhöller
Wie sehen Sie die am Montag erfolgte Auslosung für der EHL-Finalturnier an im Frühjahr 2027? Sie spielen im Viertelfinale gegen den Sieger aus Atletic Terrassa (Spanien) gegen Railway Union (Irland). Im Halbfinale könnte Gaintoise (belgischer Meister), SCHC (Vizemeister Niederlande) oder Lille MHC (Frankreich-Meister) kommen.
Grundsätzlich denke ich, dass Terrassa der Favorit in dem Spiel gegen Railway Union aus Irland ist, ich habe aber lange kein Spiel mehr von Terrassa gesehen und von den Irinnen noch nie. Das werden wir jetzt mit allen Eventualitäten vorbereiten und uns Videomaterial besorgen. Man muss es bei so einer Auslosung sowieso nehmen, wie es kommt, und bereit dafür sein, allen Mannschaften ein würdiger Gegner zu sein und nach Möglichkeit so weit zu kommen, wie es nur irgendwie geht. Wir haben alle Bock darauf, und alle freuen sich sehr darauf, aber es ist ja noch ein bisschen Zeit.
Ihre letzten drei Feld-Bundesligaspiele des Jahres sind mit Köln, HTHC und UHC nochmal drei Auswärtsspiele. Was soll da noch einmal für die DHC-Damen herausspringen?
Im Endeffekt geht es um neun Punkte. Unser Anspruch und unser Ziel ist es, dort neun Punkte zu holen. Wir haben zumindest erst mal kein Doppelwochenende, und die Reise nach Köln ist überschaubar. Dementsprechend wollen wir in der Woche, in der wir auch erst am Sonntag spielen, noch einmal ein bisschen Kraft tanken, aber auch nochmal hart trainieren. Danach in Hamburg bei wahrscheinlich vier Grad und Regen werden es sicher auch noch einmal Spiele, bei denen es auf die Mentalität ankommt. Das habe ich schon gelernt, und es freut mich auch sehr, dass es eine sehr große Überschrift der Mannschaft ist, dass sie sagen: „Wir können auch mal ein Spiel verlieren, aber wir gehen immer ans absolute Limit!" Und wenn es das elfte Spiel in fünf Wochen ist und uns nochmal zwei Spielerinnen ausfallen, egal. Das Ackern, diese Arbeitsmentalität, die gefällt mir sehr, wie die in dieser Mannschaft gelebt wird und auch untereinander eingefordert wird. Da ist die Mannschaft auch gut miteinander. Und genau darum geht es in diesen Spielen, aber wir werden sicher auch noch ein, zwei spielerische Fortschritte machen. Im Idealfall im Erzielen von Toren.
Vielen Dank für das Gespräch!







